Expedition Eiswüste: Der Traum von Rührei, Speck und Croissants
M2b Redaktion am 14.05.2008 - 09:36 Uhr
Schon seit vielen Monaten begleiten wir die Expedition Eiswüste von Martin Hülle und Dominik Rind. Seit dem 26. April befinden sich beide in Grönland. In ihren Tagebucheinträgen erzählen sie von den Erlebnissen in den eisigen Gefilden.
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13. Mai 2008 – Bergfest!:
"Rührei mit Schinken, warmes Baguette, ein Glas Orangensaft, Capuccino und eine Schale frische Erdbeeren ... das ist unser Frühstückstraum. Die Realität sieht wie immer etwas anders aus: Pulverkaffee und in Wasser lösliches Energiegetränk. Beim Anblick der unter Schneemassen begrabenen Pulka-Schlitten, wollen wir am liebsten gleich zurück in die warmen Schlafsäcke und einen ruhigen Tag im Zelt verbringen. Gut, dass wir uns dennoch aufraffen, denn der Tag wird uns dafür belohnen. Heute überqueren wir das Dach unserer Tour mit 2540 Metern Höhe – es ist also Bergfest! Nicht nur den höchsten Punkt der Expedition haben wir heute erreicht, auch die Hälfte der Zeit ist um. Entsprechend freudig und zufrieden sind wir über den bisherigen guten Verlauf der Tour. Am Abend nach Errichten des Camp nach 22,5 Kilometern, überrascht Jerome mit einem Glühwein. Leicht angesäuselt schreiben wir diese Zeilen an Position N 66 26 042 W 43 50 799. Wir haben etwas gefeiert und uns den Mut angetrunken, für die lange „Abfahrt“ zur Radarstation DYE II und weiter zum Ende des Inlandeises bei Kangerlussuaq :-)"
12. Mai 2008 – Ein kleiner Vogel im Nichts
"Als Jerome heute Morgen das Zelt verlässt, entdeckt er einen kleinen Vogel ungefähr 25 Meter von unserem Camp entfernt im Schnee sitzen. Eine merkwürdige Begegnung inmitten des Inlandeises, wo es doch kein Leben gibt und die nächste Küste mehr als 200 Kilometer entfernt ist. Der Vogel dreht eine Runde über das Zelt und landet auf Martins Pulka. Vielleicht ist er entkräftet auf seinem Flug über Grönland – rasch stellen wir ihm etwas Wasser und Trekking-Kekse hin. Doch er scheint weder Durst noch Hunger zu haben, wahrscheinlich wollte er nur mal sehen, was der rote Flecken in der endlosen weißen Landschaft ist. Nachdem der Vogel wieder davon geflogen ist, brechen auch wir bald auf. Erneut weht ein leichter Rückenwind und die Wolken geben den ganzen Tag den Himmel nicht frei. In sechs reinen Laufstunden schaffen wir bei endlich besseren Schneebedingungen 21 Kilometer. Wir rechnen damit, morgen den höchsten Punkt auf unserer Strecke zu passieren, sind wir doch heute schon auf über 2500 Meter Höhe."
11. Mai 2008 – Im Zelt gibt es mehr zu sehen
"Unser Ziel, mehr als 20 Kilometer pro Tag zu schaffen, wird heute pulverisiert. Schon die ganze Nacht hatte es geschneit und am Morgen liegt eine Schicht Neuschnee über der Landschaft. Obwohl wir zum ersten Mal geradeaus laufen können und nicht erneut Sastrugis umfahren müssen, schaffen wir nicht mehr Kilometer als in den Tagen zuvor. Der weiche, teils knöcheltiefe Schnee, hemmt unseren Vorwärtsdrang. Hinzu kommt eine wolkige Wetterlage, die alles in ein konturloses Einheitsweiß verwandelt. Bei andauerndem leichtem Schneetreiben orientieren wir uns an der Sonne, die zum Glück als heller Fleck den grauen Himmel ständig durchdringt. Nach anstrengenden 20 Kilometern freuen wir uns, dass es im Zelt mehr zu sehen gibt. Farben und Formen sind eine Wohltat für die Augen, wie Windstille und Wärme für die müden Knochen."
10. Mai 2008 – Minusrekord:
"Als wir uns in der letzten Nacht in die warmen Schlafsäcke kuscheln wollten, funktioniert an Martins Schlafsack der Reißverschluss nicht. In Erwartung der bisher kältesten Nacht, keine schöne Aussicht! Zum Glück konnten wir das Problem reparieren und die 30 Grad Kälte unbeschadet überstehen. Am Morgen ist es trotz Sonne noch so kalt, dass uns beim Verlassen des Zeltes sofort die Nasen beim Atmen gefrieren. Mit eiskaltem Wind geht es los auf unsere heutige Tagesetappe. Noch immer gibt es viele Sastrugi-Felder, doch zusammenhängende geschlossene Schneeflächen nehmen zu und ermöglichen es uns zum ersten Mal, halbwegs „klassisch“ Ski zu laufen. Im Laufe des Tages zieht es sich zu und es beginnt leicht zu schneien. Die Konturen verschwimmen und wir lassen es nach erneut 20 Kilometern für heute gut sein und genießen den Abend im Zelt mit Kaffee, Kartoffeleintopf und Mousse au Chocolat. Dazu liest Jerome aus „34 Tage / 33 Nächte“ von Andreas Altmann vor und wir haben großen Spaß."
09. Mai 2008 – Zuckerbrot und Peitsche
"Der Tag beginnt mit 30 Grad plus im Zelt. Kaum auszuhalten und entsprechend gerne starten wir in den windstillen, sonnigen Tag. Nach den gestrigen Peitschenhieben in Form von Sastrugis und kaltem Wind, gönnt uns das heutige Wetter eine Verschnaufpause. Ohne Handschuhe und dicke Jacke legen wir 20 Kilometer zurück und die Pausen in der wärmenden Sonne sind Zuckerbrot für die Seele. Nach dem Durchzug von Schneewolken, durch die wir die Sonne nur noch als fahlen Punkt wahrnehmen, ist in den späteren Abendstunden der Himmel wieder klar und nur ein leichter Wind weht über die Landschaft. Rasch fällt die Temperatur draußen auf minus 25 Grad und wir machen es uns in unseren Schlafsäcken gemütlich."
Auf vielfachen Wunsch werden wir alle paar Tage unsere Koordinaten angeben. Startpunkt Isortoq: N 65 32 888 W 38 58 578, Ende des Aufstiegs auf das Inlandeis nördlich von Isortoq (Tag 3): N 65 51 134 W 39 00 864, heutiges Camp (Tag 11): N 66 14 503 W 42 01 789
Wir sind nun auf knapp 2300 Meter Höhe, etwa zwei Tagesmärsche vom höchsten Punkt unserer Route entfernt, und bis zu unserem nächsten Ziel, der Radarstation DYE II, sind es noch 192 Kilometer."
08. Mai 2008 – Zehn Tage unterwegs:
"In der Nacht fällt die Temperatur im Zelt bis auf minus 18 Grad. Aber nur einige Stunden später am Morgen sitzen wir bei 23 Grad plus mit einem Kaffee in der Hand in unserem Stoffhaus, auf das seit 4 Uhr die Sonne scheint. Das wird ein schöner Tag – denken wir uns. Aber weit gefehlt! Nach einer Marschstunde ist der Himmel wolkenverhangen und es schneit leicht. Hinzu kommt mal wieder ein eisiger Wind, der wenige Minusgrade deutlich kälter erscheinen lässt. Zu allem Überfluss das größte Übel: große Sastrugifelder. Sie begleiten uns den ganzen Tag und wir versuchen in einem Zickzack-Kurs die mächtigsten zu umschiffen. So stehen am Tagesende nur 18,4 Kilometer im Logbuch."
Mittlerweile sind wir zehn Tage unterwegs, da erlebt man so einiges. Nachfolgend die Tops und Flops aus dieser Zeit:
Die Tops: Mittwoch und Sonntag eine Packung Chips – Abends nach getaner Arbeit die Zelttür hinter sich schließen und den Wind aussperren – gute Stimmung im Team – SMS-Nachrichten bekommen – mit Musik in den Ohren in die Abendsonne laufen – Kaffee und Milchreis zum Frühstück – wenn aus Wind Windstille wird – mindestens 20 Kilometer am Tag schaffen
Die Flops: eingefrorener Schlafsackreißverschluss – bei eiskaltem Wind seinen Stuhlgang hinter sich bringen – nachts mit eingeschlafenen Händen aufwachen – die Unterwäsche 15 Tage am Stück tragen – Sastrugis in jeglicher Größe und Form – bei Schneegestöber die Pulka packen – mit Sonnenbrand auf den Lippen scharfe Sachen essen – gefrorene Feuchttücher