Die Expedition Eiswüste von Martin Hülle und Jerome Blösser neigt sich langsam dem Ende zu. Was die beiden Expeditionen auf ihren letzten Kilometern erlebten, lesen Sie hier in den aktuellen Tagebucheinträgen!
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28./29. Mai 2008 – Erschöpft am Ziel:
"Am Mittwoch Morgen brechen wir um 10 Uhr zu unserer letzten Etappe an die etwa 40 Kilometer entfernte Eiskante auf. In den ersten Stunden schaffen wir jeweils 5 Kilometer – wir kommen so schnell voran wie noch nie zuvor. Bis zum frühen Nachmittag liegt schon die Hälfte der Strecke hinter uns. Wir sind guter Dinge, bis gegen Mitternacht das ersehnte Ziel zu erreichen. Doch 15 Kilometer vor Schluss beginnt die Apokalypse: die zuvor noch recht ebene Landschaft verwandelt sich plötzlich in ein chaotisches Labyrinth aus bis zu 5 Meter hohen Eisbuckeln, deren Mulden mit Tiefschnee aufgefüllt sind. Wir hoffen, dass sich das Gelände nach einiger Wegstrecke wieder bessert. Doch das passiert nicht. Im Gegenteil – wann immer wir nach einem Ausweg suchen, zeigt sich uns in alle Richtungen kilometerweit ein gleiches Bild. Gefrorene Zuckerhüte soweit das Auge reicht. Ein gerades Vorwärtskommen ist nicht möglich. In einem Zickzack-Kurs arbeiten wir uns mühsam weiter. Zu allem Übel kommen dann auch noch Schmelzwasserbäche und türkisblaue Seen hinzu. Unser Tempo fällt rapide – teilweise kommen wir in einer Stunde nur noch einen Kilometer voran. Die Sonne geht unter und wir sind noch immer weit vom festen Land entfernt. Als hätten wir nicht schon genug zu tun, kommt auch noch ein starker Fallwind mit Regenschauern auf. An besonders exponierten Stellen bläst der Sturm die Pulka-Schlitten aus der Bahn und wir werden in steileren Passagen unkontrolliert zu Tal geweht. Die Stunden vergehen, der neue Tag bricht schon an und langsam kriecht die Müdigkeit in unsere Glieder. Um 2 Uhr in der Nacht passieren wir zwei sehr große Schmelzwasserseen und sind nur noch knappe 5 Kilometer von der Eiskante entfernt. Das spornt uns an, doch der Irrgarten aus Eis hat nach jeder Biegung eine neue Überraschung parat. Teilweise erscheint es uns kaum mehr möglich, einen Durchschlupf zu finden. Aber irgendwie tasten wir uns Stück für Stück weiter, oft begleitet durch laute Flüche, wenn die Pulka-Schlitten durch das unwegsame Gelände etwa fünfzigmal umkippen und sich dabei oft mehrfach überschlagen. Die Nerven liegen blank. Um 8 Uhr Morgens – 22 Stunden nach unserem Aufbruch – erreichen wir total erschöpft die Eiskante und betreten nach 30 Tagen erstmals wieder festen Boden. Völlig übermüdet schlagen wir das Zelt auf, nehmen kaum das Grün und die vergessenen Gerüche war und schlafen direkt für ein paar Stunden ein. Am Nachmittag werden wir von einem Mitarbeiter von Kangerlussuaq Tourism mit einem Geländewagen abgeholt und in die Flughafensiedlung Kangerlussuaq gebracht. Jörgen erzählt uns, dass in dieser letzten Nacht Lou und Mark, unsere Bekannten vom Camp Raven, dort bei Orkan in kompletter Sicherheitskleidung in ihrem großen Stationszelt saßen und blanke Angst hatten, ihren Schutz zu verlieren. Ein verrücktes Jahr in Grönland, mit so viel Sturm, wie schon seit 10 Jahren nicht mehr. Zum Glück bekamen wir von dem Orkan nur die Ausläufer zu spüren, wären wir noch weiter oben auf dem Inlandeis gewesen, wären mit unserem gesamten Hab und Gut sicherlich zu Tal geweht worden. So blieb uns eine enorm kräftezehrende Etappe, die uns an die eigenen Grenzen, aber auch ans Ziel geführt hat. Nun ruhen wir unsere müden Knochen noch für ein paar Tage in Grönland aus, bevor es kommenden Montag zurück nach Deutschland geht. Weiterhin werden wir wieder täglich unsere Impressionen schildern. Jetzt müssen wir erst mal Schlaf nachholen!"
27. Mai 2008 – Land in Sicht:
"Für mehrere Wochen war der weiße Horizont in alle Himmelsrichtungen unser einziges Panorama. Wie ein Meer aus Eis und Schnee erstreckte sich das grönländische Inlandeis ins scheinbar Unendliche. Heute Mittag fühlen wir uns wie ein Kapitän auf einem Segelschiff nach der langen Überquerung eines Ozeans: Land in Sicht! In der Ferne erspähen wir erstmals Berge hinter der Eiskante. Das Festland rückt in greifbare Nähe. Doch dorthin ist es – obwohl wir heute 31,5 Kilometer geschafft haben – noch immer ein gutes Stück Weg. Bis zum Punkt 660 am Rande des Inlandeises, wohin eine Schotterstraße von Kangerlussuaq führt, sind es nun noch etwa 40 Kilometer Strecke und gute 500 Höhenmeter Abstieg. Morgen wollen wir diese Stelle erreichen – ein sehr langer Tag steht uns bevor. Da die Sonne erst nach 23 Uhr unter geht und es in den Nächten schon lange nicht mehr dunkel wird, haben wir aber genügend Zeit und Licht, um am Ende des Tages hoffentlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren."
26. Mai 2008 – Neues Spiel, neues Glück:
"Nach 30 Stunden Sturm ebbt der Wind endlich ab. Doch bevor es weitergeht, müssen wir Zelt und Pulka-Schlitten am Morgen erst einmal von schweren Schneemassen befreien. Der Boden ist vom starkem Wind chaotisch aufgerissen und ein rhythmisches Gehen dadurch unmöglich. Erst im Laufe des Tages bessert sich das Terrain und auch der Wind schläft völlig ein. Nun kommen wir erneut gut voran und reihen Kilometer an Kilometer. Am Abend haben wir so ganze 30 Kilometer geschafft und genießen die Ruhe im Zelt. Unsere Pulka-Schlitten sind mittlerweile deutlich leichter geworden, da fast aller Proviant daraus in unsere Mägen umgesiedelt ist. Wir haben nur noch für etwa zwei Tage Nahrung und werden deshalb versuchen, die Eiskante bis Mittwochabend zu erreichen. Noch 70 Kilometer – harte Arbeit, aber zu schaffen. Gute Sicht vorausgesetzt, sollten wir auch eventuelle Gletscherspalten, Schmelzwasserbäche und Eissümpfe sicher umgehen können."
25. Mai 2008 – Nullrunde:
"So nah können Freud und Leid beieinander liegen. Gestern noch eine neue Tagesbestleistung und heute nicht vom Fleck gekommen. Seit 1 Uhr in der Nacht peitscht mal wieder der Wind mit Windstärke 8. Zum Glück haben wir das Zelt gestern bei Windstille optimal ausgerichtet und aufgebaut, so dass der Sturm es an seiner spitzen Seite trifft. Trotzdem wird das Zelt gebeutelt und durchgeschüttelt, es knattert und der Schnee prasselt darauf ein. An erholsamen Schlaf ist dabei nicht zu denken, alle halbe Stunde erwachen wir und sind besorgt, ob der Wind noch mehr zulegt und das Zelt standhält. Nun ist es bereits 21 Uhr am Abend, der Sturm hat an Heftigkeit etwas nachgelassen, weht aber noch immer stark. Über den Tag haben wir das Zelt nur verlassen, um die Abspannungen zu kontrollieren und den schweren, nassen Schnee davon zu schaufeln, der sich rings um unsere Behausung immer wieder darauf anhäuft. Dabei nimmt einem der Wind den Atem. Nur die Temperaturen sind sehr mild und alles wird feucht. Wir harren auf erneute Wetterbesserung und sollte es morgen nicht weiterhin so extrem schlimm sein, dann müssen wir in jedem Fall weiter laufen, denn die Zeit drängt!"
24. Mai 2008 – 100 Kilometer bis zum Ziel:
"Obwohl wir unter anderem mit Trekking-Mahlzeiten vorzüglich ausgestattet sind und ein abwechslungsreiches Spektrum an Proviant in den Pulka-Schlitten mit uns führen, passiert es nach fast vier Wochen Expeditionsleben dann doch, dass wir "virtuelle" Heißhungerattacken auf so manche Leckerei entwickeln. Heute war so ein Tag, bei dem wir uns in jeder Pause gegenseitig Menüwünsche vorgeschwärmt haben: Wiener Schnitzel mit warmem Kartoffelsalat und ein frischgezapftes Weizenbier, eine handvoll Pfannkuchen mit Nutella dick bestrichen und Bananenstücken belegt, Eisbecher mit wahlweise Milch- oder Fruchteis (jaja, heute war es recht warm), eine Flasche Bionade (Kräuter oder Holunder), und so weiter und so fort ... Vielleicht hat uns dieser Heißhunger besonders schnell werden lassen, denn auf die gestrige Tagesbestleistung haben wir noch eins draufgesetzt und sind heute ganze 31 Kilometer weit marschiert. Mit nur noch 100 Kilometern Entfernung rückt unser Ziel in greifbare Nähe. Drückt uns die Daumen, dass das Wetter in den nächsten Tagen gut bleibt und wir weiterhin so gut voran kommen. Eure SMS-Nachrichten motivieren uns jeden Abend aufs Neue – weiter so!"
23. Mai 2008 – Höhenverlust und Weitengewinn:
"Aufgrund der Tage, durch die wir wegen Sturm und schlechter Sicht nicht weiter kamen, ist unser Zeitplan ein wenig unter Druck geraten. Deshalb gehen wir ab sofort pro Tag eine Stunde mehr. Und sogleich hat es sich gelohnt: 28 Kilometer - neue Tagesbestleistung! Sonnenschein und leichter Rückenwind kamen uns dabei heute sicherlich genauso zugute, wie der erstmals spürbare Höhenverlust. Insgesamt haben wir an diesem Tag 170 Höhenmeter verloren und sind dadurch nun deutlich unterhalb der 2000-Metermarke. Bis zur Eiskante besteht unser Leben aus schlafen, laufen und essen. Wenig schlafen, viel laufen und so viel wie nur möglich essen. Noch 6 Tage haben wir Zeit, um die verbleibenden etwa 130 Kilometer zurückzulegen."
22. Mai 2008 – Abschied von DYE II:
"Nach über zwei Tagen schlechten Wetters, ist die grönländische Welt heute wieder in Ordnung. Der Wind hat sich gelegt, mit jeder Stunde des Tages vertreibt die Sonne die letzten Wolken und beginnt ihre Kraft zu entfalten. Doch bevor wir endlich weiter können, müssen wir noch das Zelt ausgraben, das vom gestrigen Wind bis fast zur Oberkante auf drei Seiten mit Schnee zugeweht worden ist. Wir verabschieden uns von Lou und Mark, laufen vorbei an der Radarstation DYE II, die sich heute zum ersten Mal vor blauem Himmel zeigt, und starten den letzten Abschnitt unserer Expedition in Richtung Westküste. Durch den starken Wind der letzten Tage ist der Untergrund mal wieder von einigen Furchen durchzogen. Trotzdem schaffen wir 22 Kilometer und haben unser Camp auf immer noch knapp über 2000 Meter Höhe errichtet. Kurz vor Sonnenuntergang fällt die Temperatur bereits auf nahezu minus 30 Grad – das ist das Wetter, welches wir für ein gutes weiteres Vorankommen benötigen. Tagsüber klar, sonnig und "warm" und in der Nacht eiskalt, damit der Boden zum Skilaufen fest gefriert."
21. Mai 2008 – Wir sitzen fest:
"In der Nacht fällt der Luftdruck dramatisch. Der gestern schon sehr kräftige Wind nimmt heute weiter an Fahrt zu und erreicht in Spitzen Windstärke 8. Nach der Beaufort-Skala ein stürmischer Wind, der genau aus der Richtung bläst, in die unser weiterer Weg führt. Sehr ungewöhnlich in dieser Region, wie uns Lou und Mark aus dem Camp Raven berichten. Sie müssen es ja wissen, verbringen sie doch seit Ende der 90er Jahre jeden zweiten Sommer hier. Schnee peitscht horizontal über die schutzlose Landschaft und nimmt uns die Sicht. Da auch die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt liegen und durch den Windchill-Effekt bedrohliche Grade annehmen und Erfrierungen rasch möglich sind, entschließen wir uns dazu, heute nicht weiter gegen den Sturm anzulaufen. Wir haben Glück, dass wir in der Nähe des Camp festsitzen und so einige Annehmlichkeiten in der sonst so ungastlichen Situation nutzen können. Wie das kleine Klohäuschen, welches links auf dem Bild zu sehen ist. Rechts ist zudem das Duschhaus sichtbar und im Hintergrund DYE II, verschwommen im Schneetreiben. Zum Abendessen sind wir Gast im Camp Raven, wo uns Lou und Mark mit selbstgemachter Pizza bewirten! Mit soviel neu getankter Energie hoffen wir auf gutes, windstilleres Wetter am morgigen Tag, um unseren noch langen Weg nach Kangerlussuaq fortzusetzen."
20. Mai 2008 – Kalter Krieg im ewigen Eis:
"Schneefall und Sturm verbünden sich heute erneut zu einem undurchdringlichen White-Out, der uns zu einem Tag im Camp Raven zwingt. Wir nutzen die Zeit für einen ausgiebigen Besuch der alten amerikanischen Radarstation DYE II. 1960 errichtet, diente sie im Kalten Krieg zur Früherkennung möglicher Beschüsse aus östlichen Gefilden. Ein Gang durch die drei Stockwerke des Gebäudes ist ebenso bizarr, wie die bloße Präsenz der Anlage in dieser menschenleeren und konfliktlosen Eislandschaft. Fast alle Gegenstände scheinen zurückgelassen worden zu sein, egal ob volle Ketchup-Flaschen in den Lagerregalen, Unmengen weiterer Lebensmittel oder Bücher und Zeitschriften in einer Bibliothek. Daneben Räume mit riesigen Generatoren, eine Bar mit Billardtisch, ungeöffnete und gefrorene Tuborg-Bierflaschen, oder die Schlafräume der ehemaligen Besatzung, in denen Poster mit sommerlichen Berglandschaften an den Wänden hängen. Hinzu kommt eine Küche mit Kisten voller – natürlich immer noch – gefrorener Hähnchenschenkel. Während wir durch die dunklen Gänge streifen, in die der Wind zum Teil Schnee geweht hat, können wir uns kaum vorstellen, dass hier einmal ein geordnetes Leben stattgefunden hat. Wir steigen hinauf bis in den überdimensionalen „Golfball“, der das Herzstück der Station beherbergt, die Radarantenne. Aufgrund des Schnees, der sich Jahr für Jahr immer höher um die Anlage ablagert, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Relikt des Kalten Krieges ganz in der Geschichte des Eises versunken sein wird. Als wir am Abend wieder zu einem Besuch bei Lou und Mark vorbei schauen, erzählen sie uns noch von einem Aquarium, das sie vor einigen Jahren in einem der Räume von DYE II fanden. Das Wasser darin war zu einem klaren Eisblock gefroren: darin eine Plastikpalme und ein kleiner Goldfisch."