Kommentar: Massentourismus im Himalaya - Vernunft ade?
M2b Redaktion am 05.03.2008 - 16:46 Uhr
In den kommenden Monaten werden wie in jedem Jahr unzählige Expeditionstouristen die Basislager der 8000er-Berge in Nepal, China, Pakistan und Indien stürmen, um sich von dort von den Reiseanbietern auf die höchsten Gipfel dieser Erde begleiten zu lassen. Everest, Broad Peak, Cho Oyu, Gasherbrum: Die mächtgsten Berge dieser Welt sind Anziehungspunkt für tausende Outdoorsportler. Aber warum wird das Höhenbergsteigen immer beliebter, warum wollen immer mehr Menschen Entbehrungen auf sich nehmen, um durch Kälte, Wind und Schnee dem Himmel nahe zu kommen?
Motivationale Vielfalt
Die Antwort werden die Wenigsten in den Lagern der Berge sofort wissen und sagen können. Der Eine will es sich eben beweisen. Der Andere will Natur erleben und Gefahren bewältigen, Grenzen ausloten. Wieder Andere erleben das Höhenbergsteigen als Faszination und innere Erfüllung. Aber müssen Menschen, die noch nie in ihrem Leben Steigeisen unter den Füßen hatten, durch Gletscher im Himalaya stapfen? Müssen Menschen wochenlang ausharren, hunderte Liter an Flaschen-Sauerstoff verbrauchen und viele tausende von Dollar bezahlen, um die Erde von oben betrachten zu können?
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"Vermüllung" und Geldmacherei
Zu diesem Thema sind schon zahlreiche Diskussionen geführt worden, so zum Beispiel auch auf dem Kölner Alpintag 2007 von bedeutenden Bergsteigern wie Gerlinde Kaltenbrunner, Ralf Dujmovits und Kurt Diemberger. Keine konnte ein Ergebnis vorweisen, mit dem alle einverstanden waren. Immer wieder werden die „Vermüllung“ der Berge und die Geldmacherei von Unternehmen als Grund angeführt, den Höhentourismus einzuschränken. Doch sollte es nicht jedem Menschen frei stehen, das zu tun, was er tun möchte?
Ja, doch es gibt Grenzen der Akzeptanz! Wenn Expeditionen zwar auf den Gipfel schaffen, aber nicht stark genug sind, ihre leeren Sauerstoffflaschen wieder mit runter vom Berg zu nehmen, werden Berge zu Müllkippen. Wenn Unerfahrenheit der "Touristen" das Überleben von anderen Expeditionen gefährdet, lassen sich Freiheit und Verantwortung nicht mehr vereinen. Wenn ohne Rücksicht auf Kultur und Lebensraum der Einheimischen eine "Entweihung" der heiligen Berge geschieht, wird der Expeditionstourismus von den Ländern auf Dauer nicht akzeptiert werden.
Die Verantwortung wächst
Aus welchen Gründen man die Dächer dieser Welt erklimmen möchte, spielt eigentlich keine Rolle. Will man dabei die Hilfe eines Reiseunternehmens in Anspruch nehmen, sollte man sich dessen nicht schämen. Ob sich jemand mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug wirft oder den Nanga Parbat besteigt: es sollte ihm überlassen werden, wie er seine Lebenserfüllung betreibt! Doch wie der Fallschirmsprung-Anbieter die Verantwortung dafür trägt, dass der Fallschirm seines Kunden aufgeht und dieser geeignet ist, sich in 2000 Metern Höhe in den freien Fall zu begeben, so muss der Expeditionsanbieter die Verantwortung für Mensch und Natur tragen. Diese Herausforderung wird in Zeiten, in denen das Höhenbergsteigen vor allem für Wohlhabende aus den Wirtschaftsnationen ein beliebtes Mittel zu Selbstverwirklichung bleiben wird, immer größer werden.
Sebastian Lindemeyer
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