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Interview mit Georg Sichelschmidt: "Es ist nicht alles kontrollierbar"

M2b Redaktion am 10.04.2008 - 08:57 Uhr

Georg Sichelschmidt und sein Bruder Johannes brechen in wenigen Tagen nach Spitzbergen auf. Dort wollen sich die beiden Expeditionisten mit einer Trainingstour, die für andere eine einmaliges Erlebnis wäre, auf ihr Ziel des Jahres 2009 vorbereiten: das Erreichen des Magnetischen Nordpols!

Mountain2b.com: Herr Sichelschmidt, wie sind Sie darauf gekommen, sich den Rucksack auf zuschnallen und mit den Expeditionen anzufangen?
Georg Sichelschmidt: Nach dem Abitur 1996 bin ich für ein Jahr nach Nordnorwegen gegangen und habe dort auf einer Huskyfarm gearbeitet. Dort habe ich das erste Mal einen richtigen Winter erlebt und viele Touren mit den Huskies oder auch per Ski unternommen. Dies hat mich nicht mehr losgelassen und so bin ich jeden Winter wieder nach Skandinavien zurückgekehrt. 2006 ergab sich dann die Chance, in einem Team das grönländische Inlandeis zu überqueren. Das hat mich natürlich sehr gereizt, da ich ein sportlicher Mensch bin und sportliche Outdoor-Herausforderungen liebe. Ich habe davor schon einige lange Touren in Skandinavien unternommen, aber fünf Wochen draußen unterwegs zu sein in einer völlig menschenleeren Gegend war eine große Herausforderung. Ich wollte schon immer so etwas machen, aber die Organisation und die Finanzierung von solchen Großprojekten ist nicht so einfach zu realisieren. Aber die Grönlandexpedition hat mir gezeigt, dass dies nicht meine letzte Expedition sein soll!

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Mountains2b.com: Im Jahr 2009 wollen Sie zum Magnetischen Nordpol aufbrechen, eine Tour, die man nicht mal so eben in seinem Jahresurlaub macht. Aber zuvor steht eine Trainingsexpedition nach Spitzbergen an. Was ist dabei Ihr Ziel?
Georg Sichelschmidt: In erster Linie wollen wir uns trainieren. Schauen ob wir solch eine Tour zusammen machen können, wie die Ausrüstung funktioniert, wie wir die Segel (Kite und Parawing) am effektivsten einsetzen können und wie man sich vor Eisbären schützt.
Dann wäre es natürlich schön, wenn wir es schaffen, den nördlichsten Punkt von Spitsbergen – das Kap Verlegenhuken – zu erreichen. Unterwegs könnte man auch noch den höchsten Berg des Svalbard Archipels, den Newthontoppen, mitnehmen. Sollten diese Ziele, zum Beispiel wegen schlechten Wetters, nicht erreicht werden, ist dies für uns kein Beinbruch.

Mountains2b.com: Ihre Schlitten wiegen rund 60 Kilogramm. Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie mit sich führen?
Georg Sichelschmidt: Ganz klar: Essen. Dann natürlich noch Benzin, Kocher, Zelt, Schlafsack, Wechselwäsche, Segel. Und beim Essen ist ja das Gute, das wird jeden Tag weniger. Weiterhin wollen wir auf dem Weg nach Norden Depots anlegen. Da wir denselben Weg zurück laufen wollen, können wir so sehr schnell das Gewicht der Pulka reduzieren.

Mountain2b.com Was geht einem durch den Kopf, wenn man durch die weite Leere läuft?
Georg Sichelschmidt: Da Spitsbergen, im Gegensatz zum Inlandeis von Grönland, eine sehr bergige Topografie hat, wird es wohl viel für das Auge zu sehen sein. Und dann kann man sich mit der Landschaft beschäftigen. Viel Zeit hat man aber auch, um nach Innen zu schauen und sich mit Sachen zu beschäftigen, die einen bewegen. Und am Ende des Tages ist es dann oft so, dass ich an den warmen Schlafsack und das Essen denke.

Mountains2b.com: Wie viel Training muss man absolvieren, um sich an solche Projekte heran zu wagen? Und wie haben Sie ihr Training gestaltet?
Georg Sichelschmidt: Grundlegend ist eine gute Kondition, die man sich durch Laufen, Radfahren, Schwimmen oder ähnliches antrainieren kann. Dies haben wir auch beide gemacht. Ich hatte dazu noch den Vorteil, dass ich für den Reiseveranstalter Quanok Winter-Outdoor-Reisen im März zwei Skitouren geleitet habe und dort natürlich perfekt trainieren konnte. Weiterhin habe ich ein wenig Autoreifen hinter mir hergezogen. Dies ist sehr effektiv, denn die Reifen simulieren das Ziehen der Pulka.

Mountains2b.com: Körperlich vorbereitet sein, ist bei solchen Expeditionen ja aber nur die halbe Miete. Was würden Sie tun, wenn unverhofft Probleme auftreten? Wie zum Beispiel ein Angriff durch einen Eisbären oder ein Unwetter?
Georg Sichelschmidt: Ruhe bewahren! Das ist immer am Wichtigsten. Und dann muss man versuchen, das Problem zu lösen. Am besten ist es, wenn man durch Erfahrung schon viele Lösungsstrategien zur Verfügung hat, die man dann einfach abruft. Aber immer wieder treten Probleme auf, die man so noch nicht kennt. Aber das macht auch den Reiz eines solchen Abenteuers aus. Denn man kann sich gut vorbereiten, aber es ist nicht alles kontrollierbar.

Mountains2b.com: Was empfindet man, wenn man nach einer langen Expedition wieder in die Zivilisation zurückkehrt? Befremdung, Befriedigung, Leere?
Georg Sichelschmidt: Zuerst eine gewisse Befriedigung so etwas geschafft zu haben. Dann kann man die Zivilisation auch wieder viel intensiver genießen. Zum Beispiel das Duschen: das ist ja das normalste auf der Welt. Aber nach solch einer Tour lernt man die ganzen Vorteile der Zivilisation richtig schätzen. Und da ich ein recht ruhiger Mensch bin, zumindest innerlich, machen mich dann die ganze Hektik und der Stress auch nicht mehr besonders fertig. Das Schlimmste ist, wenn man aus der Kälte im Norden in Deutschland bei +30° C landet. Das macht mich dann wirklich fertig.

Vielen Dank und viel Erfolg auf Ihrer Tour!


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