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Ines Papert

Die Südwand der Marmolada

Ines Papert

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Marmolada (3343 Meter, Dolomiten)

Marmolada (3343 Meter, Dolomiten)

Ines Papert

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Ines Papert

Ines Papert in Aktion

Marmolada

Interview mit Ines Papert (09/2005), Marmolada

M2b Redaktion am 05.09.2005 - 15:59 Uhr

Ines Papert (1974) ist bekannt als eine der besten Eiskletterinnen - Weltcupgesamtsiege, drei gewonnene Weltmeisterschaften und der 2005 erworbene Titel als Weltmeisterin im Eisbouldern sprechen für sich. Mehr noch: In den letzten zwei Jahren zeigte die Wahlbayerin mit "Mission Impossible", "Schattenkönig", "Letzte Ausfahrt Titlis", "Symphonie de Liberte", die als eine der schwersten Routen an der Eiger-Nordwand gilt, und anderen schweren alpinen Routen, welch komplette und leistungsfähige Bergsteigerin sie ist.
Bei einer Unternehmung am 15. Juli 2005 löste sich in der Marmolada-Südwand eine Felsschuppe, Papert stürzte tief und erlitt eine schwere Verletzung am rechten Unterschenkel. Auch Kletterpartner Stephan Siegrist wurde vom Steinschlag getroffen und am Fuß verletzt. Mittlerweile ist Papert operiert, sie kuriert die Verletzung aus und denkt viel über ihre Verantwortung für Sohn Emanuel nach. Wir sprachen mit ihr auch darüber, wie sie ihren Sport in Zukunft betreiben will.

Mountains2b: Die Marmolada verwehrte Ihnen den Gipfel - was ist passiert?
Ines Papert: Am 15. Juli bin ich mit Stephan Siegrist in der Route "Der Weg durch den Fisch" in der Marmolada-Südwand unterwegs gewesen. Wir waren in diesem Jahr die erste Seilschaft in dieser Route. Unser Versuch ging in der siebten Seillänge auf etwa 200 Metern Wandhöhe jäh zu Ende: Ich näherte mich einer großen Schuppe und beim Versuch, sie anzuklettern, löste sich das ganze Teil von der Wand. Dann folgte mein Sturz. In dem brüchigen Wandteil hielten die Sicherungen nicht.

Mountains2b: Waren Sie bei Bewusstsein?
Ines Papert: Ja, die ganze Zeit über. Nach dem Stillstand musste ich erst einmal mein Bein aus dem Seilsalat entknoten. Aufgrund des Schocks habe ich anfangs kaum Schmerzen verspürt. Dass etwas kaputt gegangen ist, war mir aber schnell klar. Ich war nahe dran, das Bewusstsein zu verlieren, konnte aber dank meiner Willenskraft und aus Erfahrungen vergangener Extremsituationen alles im Griff behalten - eine Erkenntnis, die mich überraschte. Uns hat das Leben als Kletterer offenbar so gestärkt, dass wir auch in einer solch heiklen Lage absolut die Kontrolle behalten konnten. Es spielten sich keine besonders bemerkenswerten Szenarien oder gar eine Tragödie ab, im Gegenteil: Stephan holte mich zum Stand rauf, bereitete die Bergung vor, dann warteten wir relativ gelassen auf Hilfe.

Mountains2b: Wie sind Sie ins Krankenhaus gekommen? Wurden Sie ausgeflogen?
Ines Papert: An Abseilen war schon wegen der Schwere meiner Verletzung nicht zu denken. Der Rucksack mit dem Handy drin hatte sich nach unten verabschiedet. Was bleibt da übrig? Wir haben um Hilfe gerufen, bis uns jemand hörte, der die Rettung angefordert hat. Bis zur Helikopterbergung sind letztlich zwei Stunden vergangen. Wir wurden nacheinander am Bergetau rausgeflogen.

Mountains2b: "Der Weg durch den Fisch" ist eine sehr alpine, überaus anspruchsvolle (9-), für eine Seilschaft wie die Ihre aber keine extrem schwere Herausforderung - hatten Sie die vorgegebene Route verlassen?
Ines Papert: Nein, wir waren auf dem absolut richtigen Weg. Der "Fisch" ist sehr wohl auch für uns eine große Herausforderung; weniger wegen der Schwierigkeit, eher die Länge von 800 Metern und die alpine Absicherung machen sie zu einer sehr anspruchsvollen Route, die nur von wenigen Seilschaften geklettert wird. Wir wollten auf das Biwak verzichten und setzten auf Geschwindigkeit, um an einem Tag durchzukommen. Bis zum Sturz lief aber alles rund, wir hatten keinen Zeitdruck und es gab keinerlei Probleme. Nichts raubte unsere Konzentration. Ich nehme an, dass der Fels aufgrund enormer Temperaturunterschiede in der Region extrem spröde und instabil war. Meine Mehrbelastung hat dann gereicht, so viel Gestein aus dem Fels zu lösen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Mountains2b: "Glimpflich davongekommen", ist man nach dieser Schilderung geneigt zu sagen. Wie erging es Ihnen, nachdem Sie erstversorgt und operiert waren und der Schock verdaut war?
Ines Papert: In den ersten Tagen war ich erschöpft von den Operationen. Dann begann die Phase des Nachdenkens über das Warum. Ich habe die Situation noch unzählige Male durchgemacht und viel mit Freunden darüber gesprochen. Mir ist sehr klar geworden, dass ich gegenüber meinem Sohn Emanuel eine große Verantwortung habe und dass der seidene Faden, an dem ich manches Mal hänge, zu dünn geworden ist. Seit ich mit dem Klettern begonnen habe, ist mir auch nicht das Geringste passiert - oder war ich vielleicht manchmal nur kurz davor? In Zukunft werde ich jedenfalls auf die gefährlich abgesicherten Alpinklassiker verzichten. Aber dass ich meinen Beruf, meine Leidenschaft ganz an den Nagel hänge, das ist undenkbar. Klettern macht mich glücklich, und wenn es mir gut geht, geht es meinem Kind auch gut.
Wenn ich mich an lange Eisrouten erinnere, die ich gemacht habe, oder auch an die Tatsache, dass wir den "Fisch" an einem Tag klettern wollten, dann steht fest: Je weniger man sichert, desto schneller ist man unterwegs. Auch wenn das mit meinem Absturz nichts zu tun hat: Hier werde ich zukünftig deutlich weniger Kompromisse eingehen, die Sicherheit steht nach dieser Erfahrung an erster Stelle! Gerade im Moment, und das soll auch so bleiben, habe ich mehr Zeit für meinen Sohn. Das tut uns beiden gut.
Immer wieder stellt man sich auch die Frage: Wieso passiert das gerade mir? Nach so vielen Jahren ohne irgendeine größere Verletzung. Mir ist mit diesem Unfall eine Zwangspause verordnet worden, die ich vorher nie hatte: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter - in den letzten fünf Jahren war ich ohne Unterlass unterwegs. Es gab einfach keine Pause. Weil es auch keine Ermüdung oder Überlastungsprobleme gab! Sicher, im Frühjahr bin ich oft müde gewesen. Zum Sommer hin stimmten die Leistungen aber immer wieder. Der Körper nimmt sich halt die Pausen die er braucht - sei es durch solch einen Unfall.

Mountains2b: Ihren Vortrag auf dem Kölner AlpinTag am 15. Oktober werden Sie halten?
Ines Papert: Auf jeden Fall. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen.

Mountains2b: Wann können Sie wieder klettern?
Ines Papert: Der Heilungsprozess läuft nicht ganz so schnell, wie erhofft. Mitte September kommt die Schraube raus, die das Sprunggelenk versteift, dann kann ich das Bein wieder belasten. Ich hoffe, ab Mitte oder Ende Oktober wieder klettern zu können. Und natürlich hangel ich schon jetzt an Leisten rauf und runter; irgendwie muss ich meinem Bewegungsdrang nachgeben. Ehrlich gesagt war ich auch schon wieder klettern, halt nur mit einem belasteten Bein...

Mountains2b: ... versteht sich. Danke, dass Sie Sich Zeit für uns genommen haben.


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