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Interview mit Jürgen Reis (11/2004), Sportklettern

M2b Redaktion am 25.11.2004 - 09:15 Uhr

Nach dem letzten Sportkletter-Weltcup dieser Saison im slowenischen Kranj sprachen wir mit Jürgen Reis, der mittlerweile seit vier Jahren fester Starter des österreichischen Nationalteams ist. Der 28-Jährige aus Dornbirn reiste in diesem Herbst quer durch Europa, da er in fünf Wochen an insgesamt vier Weltcups teilnahm: Aprica (ITA), Valence (FRA), Brünn (CZE) und Kranj (SLO). Er verriet uns unter anderem auch seine Ziele für die Wettkampfsaison 2005.

Mountains2b: Hallo Jürgen, beschreibe uns doch erst einmal, wie der letzte Wettkampf der Saison 2004 in Kranj für Dich persönlich verlief.
Jürgen Reis: Im Viertelfinale hatte ich zunächst eigentlich einen ausgezeichneten Lauf, einer meiner besten Weltcupläufe überhaupt. Im unteren Teil der Route kletterte ich noch sehr konzentriert und zügig. Doch je höher ich kam, desto lockerer wurde ich. Natürlich dachte ich mir schon, dass ich immer weiter klettern muss, aber ich kam nicht wirklich ins Kämpfen. Man kann fast sagen, ich kletterte zu frech, da ich mir meiner Sache recht sicher war. Doch dann kam es zu dem schweren Fehler. Kurz vor dem Top verpasste ich den richtigen Moment, um eine Zwischensicherung einzuhängen, sodass ich eine schwierige Dachpassage zurück klettern musste, dann war mein Lauf auch ganz schnell vorbei ...
Am Ende verpasste ich um knappe zwei Plätze das Halbfinale und musste mich mit einem 28. Rang zufrieden geben.

Mountains2b: Ärgert Dich dieser Fehler im Nachhinein sehr?
Jürgen Reis: Natürlich habe ich nach dem Weltcup erst einmal alles generalisiert, sah mich und meine Leistung als zu schwach an und habe alles in Frage gestellt. Aber mein Vater, der mich als Coach in Kranj und Brünn betreute, hat mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück gebracht. Seiner Ansicht nach sei mein Fehler in Kranj zwar als grob fahrlässig zu bezeichnen, aber immerhin sei ich bei drei von insgesamt vier Bewerben in guter Verfassung gewesen und hätte dies auch bewiesen. In Tschechien (Brünn) war ich sehr zufrieden. Zwar war das Ergebnis mit einem 22. Platz dort nicht okay, aber die Leistung hat gestimmt und auch mein Training zuvor war absolut Top!

Mountains2b: Um beim Training zu bleiben. Die Weltcup-Saison ist nun beendet und Du bist als aktiver Wettkampf-Kletterer somit erst einmal 'arbeitslos'. Wie wirst Du Deine freie Wettkampfzeit gestalten?
Jürgen Reis: Frei nach meiner Devise 'Training darf immer sein', werde ich bis Weihnachten erst einmal eher locker nach Lust und Laune trainieren. Zudem werde ich meine Mutter endlich wieder einmal in Deutschland besuchen, mir Zeit nehmen Freunde zu treffen und meinem Hobby, dem Motorsegelfliegen, wieder nachgehen. Ganz ohne Training geht es bei mir aber nie, da ich mich nur gut fühle, wenn ich auch fit bin. Ich werde aber auf jeden Fall die Spitzen rausnehmen und wieder mehr Dinge machen, die mir Spaß machen und die während der Weltcup-Phase, in der ich meistens alleine trainiert habe, einfach zu kurz gekommen sind. So freue ich mich jetzt zum Beispiel auf die sozialen Aspekte beim Training, wie einen Schwatz beim Cappuccino am Rande. Überwiegend werde ich an den Weltcup-Wänden in Scheidegg und Ottobeuren klettern, da die Atmosphäre für mich dort so familiär ist. Auch was die Trainingspartner angeht, bin ich dort optimal aufgehoben. Für mich neben der Wand das entscheidende Kriterium!

Mountains2b: Mit Andreas und Christian Bindhammer hast Du auch schon oft trainiert. Werdet Ihr das in nächster Zeit wieder angehen?
Jürgen Reis: Andreas ist bereits seit drei Jahren mein Kletterpartner und Christian ist jetzt mit seiner Freundin Melanie nach Kempten und somit ganz in meine Nähe gezogen, sodass wir sicherlich miteinander klettern werden. Ich bewundere die beiden für ihre Leistungen. Obwohl ich das Wort 'Vorbild' nicht besonders mag, haben die beiden einfach doch eine starke Motivationskraft für mich. Mit den Worten von Andreas: „Einfach die selbe Intention.“ Wenn ich mit ihnen trainiere, sind wir oft bis zu sieben Stunden in der Halle und mit voller Konzentration und Biss bei der Sache. In den Pausen wird natürlich auch diskutiert und wir tauschen unsere Eindrücke und Erfahrungen aus. Im Januar 2005 habe ich vor ein Trainingslager in Innsbruck zu absolvieren, mit der Unterstützung von Christoph Finkel und Reini Scherer, den Nationaltrainern aus Deutschland und Österreich.

Mountains2b: Bist Du im Winter neben Innsbruck auch an anderen Österreichischen Wänden anzutreffen?
Jürgen Reis: Sicherlich trainiere ich auch mit Bettina Schöpf in Imst. Bettina ist für mich ebenfalls eine absolut professionelle und 'vollwertige' Kletterpartnerin. Wenn Bettina in Hochform ist, kann sich wohl so mancher 'Herr der Schöpfung' aus dem Weltcupfeld mächtig zusammenreißen! Wenn ich dann mit ihr mithalten möchte, muss ich schon einen richtig fitten Tag haben. Nicht ohne Grund ist sie Europameisterin geworden und zählt zu den stärksten Frauen der Welt im Sportklettern! Gerade in Ausdauerrouten sind Damen einfach kaum schwächer. Dies beweist auch der Routenbau im Weltcup.

Mountains2b: Gibt es für Dich über den Winter auch Alternativen zum reinen Indoor- und Wettkampftraining?
Jürgen Reis: Für den Fall, dass ich einmal keine Lust mehr haben sollte, im kalten Boulderraum zu trainieren, habe ich mir schon eine Alternative überlegt: Ende Jänner könnte ich mit den österreichischen Triathleten ein Trainingslager auf Lanzarote absolvieren. Dies war schon 2003 eine lohnende Woche mit viel Kraft- und Alternativtraining und natürlich Sonne und Spaß am Sport! Eine andere Art von Training und im Rahmen meines Aufbaus absolut passend. Ich habe mir nämlich vorgenommen erst zwischen Mai und Juli 2005 topfit zu sein, da für mich der Saisonhöhepunkt auf jeden Fall die WM Anfang Juli in München sein wird. Da bleibt im Frühjahr einfach noch etwas Zeit... nur nicht zu früh den Bogen (über)spannen!

Mountains2b: Du sprichst Deinen persönlichen Höhepunkt der kommenden Saison an. Was hast Du Dir für 2005 konkret vorgenommen?
Jürgen Reis: Nächstes Jahr habe ich viel vor! Auf der Rückfahrt von Kranj habe ich einige Dinge mit meinem Vater diskutiert und beredet, die meine sportliche Zukunft betreffen. Mein erklärtes Ziel für die kommende Saison ist es, stabil in den Top 15 zu klettern. Nach meinem ersten Profijahr stelle ich vermehrt Anforderungen an mich selbst. Nur dabei sein ist eben nicht genug. Ich möchte solide in den Halbfinals klettern. Alle Bewerbe, bei denen ich bis Top 20 klettern werde, sehe ich positiv, schlechtere können dann einfach nicht als Erfolg gewertet werden. Wenn alles passt, traue ich mir in einem einzelnen Internationalen Bewerb auch einen Finaleinzug, d.h. eine Platzierung unter den 'Top 8' zu. Das mag sich jetzt recht mutig anhören, es ist aber eine realistische Annahme.

Mountains2b: Worauf berufst Du Dich, bei Deiner Zielformulierung für die kommende Saison?
Jürgen Reis: Vor allem rückblickend auf die letzten beiden Jahre, konnte ich mir dieses Ziel setzen. Gemessen an meinen Leistungen in dieser Zeit bin ich vom Trainingszustand her momentan auf jeden Fall auf einem höheren Niveau. Jetzt muss ich über den Winter noch vermehrt an meiner Maximalkraft arbeiten, indem ich zum Beispiel mehr bouldere und das Krafttraining forciere. Bei den Bewerben im Herbst war bei den Routen sehr oft die Maximalkraft gefragt und ich habe erkannt, dass dort nach wie vor meine größte Schwäche liegt, da ich vom Genetischen her eher ein Ausdauertyp bin. Zudem möchte ich meinen Mentalbereich stärken, um auch dort noch stabilere Leistungen verlässlich abrufen zu können. Dann muss nur noch der Tag X kommen, an dem alles zusammenspielt: meine Fitness, die Route, die Atmosphäre in der Kletterhalle und ein Quäntchen Glück. Das hatte ich damals beim Weltcup in Singapur (2002), als ich überraschend auf den 10. Platz kam. Das war einfach meine Route, meine Wand und eben auch großes Glück: Ich bin dort an einer diffizilen Stelle gesprungen und habe den Griff attackiert. Die Chance zu fallen lag mindestens bei 80 Prozent, aber ich habe Halt gefunden. Da habe ich gesehen, dass es geht.

Mountains2b: Neben dem Klettern arbeitest Du nicht nur in Deiner eigenen IT-Firma consolution.at, sondern hast jetzt auch ein weiteres Projekt gestartet: im März/April 2005 wirst Du Dein Buch 'Das Peak-Prinzip' herausbringen. Erzähle uns doch kurz etwas zu diesem Projekt.
Jürgen Reis: In meinem Buch steht alles, was ich in den letzten Jahren beim Training gemacht und erreicht habe. Natürlich trainiere ich auch selbst in diesem Winter nach diesem System, das in Zusammenarbeit mit meinen Betreuern entstand. Damit verpflichte ich mich sozusagen auch selbst, da meine Leistungen und Ziele des Herbstes ebenfalls darin formuliert sind. Das Peak-Prinzip bietet ein echtes Best-of der effektivsten und aktuellsten Trainings- und Ernährungslehren plus einen ordentlichen Schuss 'Jürgen Reis-Exklusivwissen'.
Näheres zu dem Projekt findet sich auch auf meiner Homepage.

Mountains2b: Vielen Dank für das Interview!


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