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Kurt Albert

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Wildes Patagonien

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5. Kölner AlpinTag

Interview mit Kurt Albert (07/06), Klettern

M2b Redaktion am 05.07.2006 - 12:00 Uhr

Kurt Albert wurde am 18. Januar 1954 geboren und ist im Frankenjura beheimatet. Schon in jungem Alter trieb es ihn zu den klassischen Wänden der Alpen: Mit 17 Jahren durchstieg er den Walkerpfeiler an der Grandes Jorasses und ein Jahr später die Eiger Nordwand. Albert gilt als Begründer des Rotpunkt- und Rotkreiskletterns und revolutionierte damit in den 1970er Jahren den Klettersport. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahren kletterte er zahlreiche Routen frei, besonders hervorzuheben sind dabei Erstbegehungen wie "Sautanz" (IX-), "Schleimspur" (IX-) oder "Magnet" (IX+). Sein Einfluss auf den deutschen Klettersport blieb auch höheren Kreisen nicht verborgen: 1985 erhielt Kurt Albert neben Wolfgang Güllich und Sepp Gschwendtner das "Silberne Loorbeerblatt" - die höchste Sportauszeichnung der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinen Kletterpartnern (unter anderem Wolfgang Güllich und Stefan Glowacz) war er im Alpenraum, auf Madagaskar, in Patagonien, im Karakorum, in Grönland, in Kanada und auf Baffin Island bergsteigerisch unterwegs.

Am 21. Oktober diesen Jahres wird Kurt Albert auf dem 5. Kölner AlpinTag seine Diashow "Fight Gravity" präsentieren - Marion Welkener vom DAV Köln befragte den Sympathieträger bereits vorab zu seinem Vortrag und seinen zahlreichen Touren zu den Felswänden der Welt.

Marion Welkener: Kurt, du bist der Erfinder des Rotpunktkletterns und hast maßgeblich zur Entwicklung des Klettersports beigetragen. Als ein Pionier des Extremkletterns gehen zahlreiche Erstbesteigungen in verschiedensten Ländern der Welt auf Dein Konto. Wie kommt ein ehemaliger Mathematik- und Physiklehrer dazu, das Klettern zu seinem Beruf zu machen?
Kurt Albert: Das hat sich einfach so ergeben. Ich habe ja Lehramt studiert und bin dann geklettert, in den Ferien viel gereist. Schon während meiner Studienzeit hatte ich mal einen Beratervertrag vom Sporthaus Schuster in München. An der Schule dann waren mir die Ferien irgendwann zu kurz, man braucht ja mehr Zeit am Stück für längere Expeditionen. 1986 hab ich den Lehrberuf an den Nagel gehängt. Alles Weitere hat sich entwickelt.

Marion Welkener: In der Zeitschrift klettern (Ausgabe September 2005) sagtest du einmal: "Klettern ist für mich der Sport, der meinem Kopf am nächsten kommt". Was fasziniert dich so am Klettern? Schließlich bist du schon so lange dabei - wird es dir denn nie langweilig?
Kurt Albert: Ich bin schon als Kind in exponierten Positionen gewesen, aus der Dachluke meines Elternhauses geklettert oder habe mich auf dem Kirchturm herumgetrieben – zum Schrecken meiner Mutter! Wenn die das alles gewusst hätte! Oder als Neunjähriger bin ich zusammen mit einem Kumpel den Glückssteig (bekannter Klettersteig in der fränkischen Schweiz) einfach so hinaufgestiegen, da wo heute die Touristen mit Klettersteigset, Helm usw. raufgehen. Klettern ist eine vielseitige und komplexe Sportart, jede Begehung einer Route ist anders. Dazu kommt der kommunikative Aspekt des Reisens, du kannst andere Menschen und Kulturkreise kennen lernen.

Marion Welkener: Profikletterer begeben sich und geraten immer wieder in Gefahr. Es bleibt einem doch manchmal die Spucke weg, wenn man sieht, was Profis so alles riskieren. Ich denke da an das berühmte Foto von dir mit Maßkrug, einarmig über dem Abgrund in Devil's Crack (Frankenjura; 7, Erstbegehung durch Kurt Albert 1977) hängend. Wie gehst du in schwierigen Situationen mit deiner Angst um?
Kurt Albert: Also, ich möchte definitiv nicht sterben! Und solche Bilder wie mit dem Maßkrug, die entstehen nach langer Vorbereitung. Die Route war ich vorher schon mindestens 50 Mal mit Seil gegangen und das Hängen an einem Arm hatte ich ausgiebig trainiert. Beim Free Solo klettern geht es immer um die mentale Seite des Sports. Die Angst kommt vorher, bei dem Gedanken, was man tun möchte, und weniger, wenn man eine Route klettert. Erst bereitet man alles bis ins Kleinste vor und trainiert entsprechend. Ich kenne mich und meinen Körper sehr gut aus jahrelanger Erfahrung, das ist sicher anders als bei Anfängern. Mental ist es immer was Neues - lässt du beim Klettern einer vertrauten Route das Seil weg, begibst du dich einfach auf eine völlig neue Ebene! Es ist und bleibt aber immer eine Gratwanderung.

Marion Welkener: Viele Bergsteiger und Kletterer kommen früher oder später zum Höhenbergsteigen, du dagegen bereist ferne Länder mit verschiedensten Reisemitteln - zum Beispiel bist du in die Antarktis gesegelt - allerdings immer mit dem Ziel, dort zu klettern. Warum hat Dich das Höhenbergsteigen nie interessiert?
Kurt Albert: Ach ja, es gibt sicher sehr schöne Achttausender. Und auf hohen Bergen, zum Beispiel einem Sechstausender, bin ich auch schon gewesen. Mir liegt aber die Art der Fortbewegung nicht so sehr. Es ist sicher noch ein Unterschied, ob man sich aus eigener Kraft fortbewegt, so wie Messner und einige andere das machen. Aber in der Regel sind das große Expeditionsstrupps, die da hochgehen. Das ist nicht mein Stil. Mich faszinieren eher die kompakten Big Walls, die großen Wände aus Granit und das gesamte Erlebnis darum. Das sind ja eigentlich konstruierte Abenteuer, die man sich da ausdenkt.

Marion Welkener: Gerade in den letzten Jahren hast du mit abenteuerlichen Reisen und Expeditionen, zum Beispiel nach Grönland, Patagonien oder in die Antarktis, auf dich aufmerksam gemacht. Was war dein letztes größeres Projekt und welche Unternehmungen planst du für die nahe Zukunft?
Kurt Albert: Geplant war als letztes Projekt Anfang diesen Jahres eine Reise nach Venezuela mit Stefan Glowacz zu einem der Tafelberge. Die Reise konnte dann aber wegen einer Verletzung von Stefan nicht stattfinden. Die Expedition wird aber bald nachgeholt.

Marion Welkener: Immer wieder wird darüber gesprochen, dass du eine ganz bestimmte Einstellung zum Klettern hast, und dass du deine Klettereien mit fairen Mitteln angehst. Könntest du bitte erklären, was du damit meinst?
Kurt Albert: Ausgangspunkt des Ganzen ist sicherlich der Rotpunkt-Begriff. Mitte der Siebziger haben wir die sächsische Freikletterethik in die fränkische Schweiz übertragen. Da ging es darum, Felswände ohne technische Hilfsmittel zu überwinden. Man will die Dinge aus eigener Kraft schaffen und möglichst wenig Spuren hinterlassen, zum Beispiel indem man Klemmkeile verwendet. Auch der Zugang zu den großen Wänden wird mit ortsüblichen Transportmitteln oder zu Fuß zurückgelegt, der Rückweg ebenso. Wir suchen unsere Routen gezielt aus, indem wir der natürlichen Linie des Felsens, zum Beispiel Rissen, folgen, und verzichten auf Nahrungsmittel- oder Technikdepots und Helikopter. Nur nicht auf ein Satellitentelefon! Ich will nicht der "große Held am Berg" sein, da sind mir in einem Notfall die eigene Sicherheit und die meiner Freunde wichtiger!

Marion Welkener: Bei deinen Expeditionen bist du oft mit Freunden unterwegs, etwa mit Stefan Glowacz und Holger Heuber, letzterer wird auch bei deinem Vortrag am 5. Kölner AlpinTag dabei sein. Welche Eigenschaften bringt jemand mit, der mit dir auf eine Expedition geht?
Kurt Albert: Am wichtigsten ist die Freundschaft, dass da der Funke überspringt und es menschlich passt. Streit am Berg, das ist gar nicht mein Ding. Dann muss jeder natürlich seinen Aufgabenbereich gut lösen können, zum Beispiel muss der Kameramann gut filmen, aber auch klettern können. Die Stimmung muss gut sein. Und vor allem muss sich jeder in dem bestätigt fühlen, was er tut, auch wenn er beispielsweise nicht direkt am Erklettern der wichtigsten Routen beteiligt ist.

Marion Welkener: In den letzten Jahren hat das Klettern sehr geboomt und inzwischen kann eigentlich jeder Tourist auf große und gefährliche Berge steigen. Geht dir als "altem Hasen" diese rasante Entwicklung des Bergsports nicht manchmal auf die Nerven?
Kurt Albert: (Lacht) Ich finde immer meine Nischen! Wir tragen als Profikletterer ja auch durch unsere Vorträge zu diesem Boom bei. Es gibt Mittel und Wege, dies zu kanalisieren und Verbände, die sich hier super engagieren. Problematisch sind immer die Felssperrungen, die durch falsches Verhalten der Kletterer verursacht werden.

Marion Welkener: Kommen wir zu deinem Buch Fight Gravity. Darin schilderst du die Entwicklung des Klettersports in Deutschland, ausgehend von der Kletterbewegung in der fränkischen Schweiz. Wie ist das Buch entstanden und wer sollte es lesen?
Kurt Albert: Das war ein längerfristiges Projekt und mit der Idee zum Buch hat es vor zehn Jahren angefangen. Es gab zum Schluss noch einmal circa zwei Jahre ganz konkrete Arbeit daran, dann wurde es endlich im letzten Jahr fertig. Es ist auf jeden Fall ein Buch für Spezialisten, für Menschen, die sich fürs Klettern und Klettergeschichte im Besonderen interessieren. Deshalb auch die kleine Auflage von rund 5.000 Stück - inzwischen hat auch eigentlich jeder das Buch, den es wirklich interessiert. Reich werde ich damit wirklich nicht! (lacht)

Marion Welkener: Da kann ich mir dem Traum vom Reichwerden mit einem eigenen Kletterbuch wohl abschminken! Spaß beiseite, es gibt auch eine Fight Gravity CD, die man separat erwerben kann. Was kann man darauf sehen?
Kurt Albert: Da sind uralte Filmaufnahmen drauf, solche, die es vorher noch nicht zu sehen gab. Von Klettergrößen wie Flipper Fietz oder Wolfgang Güllich und Sepp Gschwendtner. Es gibt auch ausgiebige Kommentare von mir.

Marion Welkener: Fight Gravity heißt auch Deine Multivsionsshow, die du beim 5. Kölner AlpinTag vorstellen wirst. Du bist ja bekannt dafür, dass du während deiner Vorträge immer mal wieder spontan neue und überraschende Geschichten aus dem Hut zauberst. Trotzdem - könntest du uns einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, was uns erwarten wird?
Kurt Albert: Ja, sicher. Es geht um alle wesentlichen Aspekte des Kletterns, zum Beispiel, wie der Freiklettergedanke aus dem Elbsandsteingebirge in die fränkische Schweiz kam, es geht um den Rotpunkt-Gedanken, um Regeln und Stilformeln des Kletterns. Aber das ist längst nicht alles. Es geht auch um die ganz großen Wände, um Episoden aus Expeditionen in ferne Länder, um die schönsten Reiseerlebnisse, zum Beispiel in der Antarktis.

Marion Welkener: Klingt aufregend! Was war denn zum Beispiel so ein Erlebnis in der Antarktis?
Kurt Albert: Ja, da war viel! Erst mal diese schaukelige Fahrt mit dem Segelboot, eine Woche - das war nicht immer angenehm - aber dann die Belohnung: Diese unglaubliche einsame Landschaft! Nur Schnee und Eis und höchstens mal eine Forschungsstation. Die Tiere dort, die waren ganz zahm und kamen nahe an uns heran, zum Beispiel ein Seehund. Wir haben noch Scherze gemacht, weil der aussah wie tot. Der lag ganz friedlich da und nahe bei uns. Das hat mich bewegt.

Marion Welkener: Kurt, ich denke, wir dürfen uns alle sehr auf einen spannenden Vortrag freuen! Ich danke dir ganz herzlich für das Gespräch.


Das Interview wurde von Marion Welkener (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Kölner AlpinTag; Redaktion gletscherspalten) per Telefon am 08. Mai 2006 geführt und ist auch in der aktuellen Printausgabe der "gletscherspalten" zu finden.

Der 5. Kölner AlpinTag findet am 21. Oktober 2006 im Forum Leverkusen statt. Eine Programmübersicht und viele weitere Infos sind unter www.dav-koeln.de/alpintag einsehbar; eine Vorankündigung auf Mountains2b ist an diesen Text angehängt.

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