
Stefan Glowacz
Interview mit Stefan Glowacz (08/2002)
jh am 05.08.2002 - 12:27 Uhr
Interview mit Stefan Glowacz
Frage: Hallo, Stefan. Jetzt erzähl mir doch einfach mal, was Du so genau machst.
Stefan: Also, in erster Linie bin ich gerade dabei drei fast 5-jährige Kinder großzuziehen. Ich vermarkte in eigener Sache und was so neben dem Canyoning meine große Leidenschaft ist, ist eigentlich das Felsklettern. Und das ist auch meine Einnahmequelle, mein Beruf. Ich bekomme nicht Geld dafür, dass ich irgendwo schwer klettere, sondern für die Vermarktung von dem, was ich mache. Von der Arbeit mit verschiedenen Bergsportartikelherstellern, z. B.
Gore-Tex oder
Jack Wolfskin, die mir bei meinen Unternehmungen, Expeditionen Material mitgeben, die bis jetzt noch nicht im Handel erhältlich sind und die ich dann unter praxisgerechten Bedingungen teste. Ich werde jetzt nicht zu irgendetwas gezwungen. Die überlassen es vollkommen mir.
Frage: Wie schaut denn so Dein Trainingsalltag aus? Gibt es da einen Unterschied zwischen Sommer und Winter?
Stefan: Ja, eigentlich schon. Normalerweise ist es so, dass das
Training projektbezogen ist. Die letzten Jahre war es eher so expeditionslastig, d. h. wir haben fast jedes Jahr eine größere Expedition gemacht, die nicht nur mit Klettern zu tun hatte, sondern auch Kajak fahren oder segeln. Wobei wir uns fürs Segeln nicht extra vorbereiten mussten, aber fürs Kajak fahren dementsprechend. Das hab ich auch speziell trainieren müssen. Das ganze letzte Jahr und der ganze Sommer standen primär im Zeichen von Kajak fahren, von Strecke fahren, von Eskimotieren (Eskimorolle lernen). Da hab ich das
Klettertraining schon ziemlich stark hinten angestellt. Jetzt ist es wieder so, dass ich mir für den nächsten Sommer eine größere Erstbegehung im Gebirge vorgenommen hab. Da muss ich in Felsklettern wieder richtig fit werden. Zur Zeit trainiere ich in der Halle so vier bis fünf Stunden pro Tag und das bis ca. drei Uhr nachmittags.
Frage: Also kann man sagen, Du verdienst damit auch Dein Geld?
Stefan: Ja, klar. Also ich bekomme von den Firmen dafür Geld, dass ich mit denen zusammenarbeite und im PR Bereich tätig bin. Und natürlich auch, was das Testen vom Material angeht. Das ist der Hauptbestandteil und dafür unterstützen die mich mit einem bestimmten Betrag. Auch was die Trainingsvorbereitung angeht und darüber hinaus bis hin zu den Expeditionen. Es ist keine Profisportart wie die klassischen Profisportarten - Fußball oder Tennis. Ich muss auch Vorträge halten, entsprechende Artikel schreiben, präsent sein, damit das halt läuft. Das ist ganz klar.
Frage: Gibt es für Dich denn ein Vorbild? Bei dem Du sagst: So möchte ich auch mal sein?
Stefan: Gab es früher wesentlich ausgeprägter wie heute. Ich hab in verschiedenen Bereichen schon meine Vorbilder, wo ich sag, das ist toll, was der z. B. für eine Nervenstärke oder Talent hat, wie der das umsetzt oder was der für eine Berufsverfassung hat oder für eine Auffassung seinem Handeln gegenüber. Mir gefallen unterschiedliche, verschiedene Leute in verschiedenen Segmenten. Früher war das ziemlich klar mit den Vorbildern, z. B. Reinhold Messner. Weil der in allen Bereichen so Marksteine gesetzt hat. Aber trotzdem ist er in gewissen Bereichen nach wie vor eine Vorbildfunktion. So ein gewisses Vorbild im geistigen Bereich ist der Kurt A., mit dem ich auch auf Expedition war. Der hat so ein analytisches Denken, so klar und strukturiert, das ich auch gerne hätte. Es müssen keine großen Persönlichkeiten sein, sondern einfach gute Typen, die etwas Besonderes oder Eigenes sind.
Frage: Hast Du denn einen speziellen Ernährungsplan?
Stefan: Nein. Ich gehe auch wahnsinnig gern ins Mc Donald's und muss mich total zusammenreißen, dass ich da nicht öfter hingehe. Momentan bin ich so der Mülleimer meiner Kinder. Das, was die nicht aufessen, das esse ich dann.
Frage: Was war denn Dein schönstes Erlebnis?
Stefan: Da fallen mir sehr viele Sachen ein. Meine Erlebnisse sind so intensiv, dass ich fast jeden Tag so was passieren lassen möchte. Diese Expeditionen sind eigentlich sehr sehr anstrengend, und dann sagt man: "Warum mache ich das eigentlich? Bin ich denn total bescheuert?" Aber genau das ist es, wenn man da an seine mentalen Belastungsgrenzen kommt. Aber wenn's Dir nicht mehr so gut geht, weil's Dir dreckig geht und dir alles bis oben steht, dann vergisst Du das nicht mehr. Also momentan war das schönste Erlebnis bei einer Expedition in Kanada, wo wir auch einen unheimlich anstrengenden An- und Rückmarsch über insgesamt 1000 km einfach hatten. Das war so ein verregnetes Mistwetter. Also wir sind teilweise wie die absoluten Penner im Graben gelegen bei strömenden Regen und sind am nächsten Tag wieder im Boot gesessen und sind weitergefahren.
Frage: Und Dein schlimmstes Erlebnis? Welches hattest Du da?
Stefan: Ich bin Gott sei Dank immer vor diesen schrecklichen Dingen am Berg verschont worden. Ich hab von anderen Leuten noch nie einen Absturz miterleben müssen. Ich bin selbst mal in eine Lawine gekommen, als wir uns für die Antarktis-Expedition vorbereiteten. Da bin ich 300 Höhenmeter in eine Rinne gespült worden und hab mir da auch schwerere Verletzungen zugezogen. Ich hab mir die Zähne vorne ausgeschlagen, die Lippe durchgerissen, die Bänder im Sprunggelenk gerissen. Ich hab von der ganzen Sache nicht viel mitbekommen, nur als die Lawine abging. Ich hab versucht mich irgendwie zu halten und wurde dann einfach runtergespült. Erst ab dem Zeitpunkt, als ich wieder aufgewacht bin, war ich auf meinem Rucksack gekniet und hab hochgeschaut. Zuerst waren wir fast ganz oben am Berg und jetzt war ich fast wieder ganz unten. Das möchte ich nie wieder erleben.
Frage: Weißt Du schon, was Du in Zukunft machen wirst? Und was machst Du, wenn Du den Sport nicht mehr so treiben kannst? Wenn Du "alt" wirst?
Stefan: Ich glaube, so wie es läuft, das kann man nicht mehr weiter ausbauen. Ich bin momentan zufrieden, wie es gerade läuft. Ich versuche den Sport so lang wie möglich zu betreiben. Ich denke in den nächsten zwei Jahren wird es wieder ein Buch, eine TV-Produktion oder eine Dokumentation geben. Aber im Grunde genommen, hab ich nichts Spezielles vor. Also primär bleibe ich an erster Stelle beim Klettern. Und nach dem Klettern, denke ich, werde ich Vorträge halten. Also ich werde in den wirtschaftlichen Bereich gehen. Klarere strukturierte Expeditionen bei
Gore,
Jack Wolfskin und Red Bull.
Frage: Was ist denn für Dich das schönste Klettergebiet?
Stefan: Also landschaftlich und von der Art des Kletterns ist das in Frankreich die Verdon-Schlucht in der Provence. Dieses Flair und eine tolle 300 m tiefe Schlucht mit einem riesigen Überhang, der noch mal 150 m lang ist.
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