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Bhagirathi im Abendlicht mit Route

Schneesturm am Pfeiler

Walter Hölzler

Im Anstieg zum Pfeiler

Bhagirathi

Im Steilaufschwung des oberen Pfeilers

Die Route von 2001 bis zum Umkehrpunkt

Walter im unteren Pfeilerabschnitt

Hochferner Nordwand

Impressionen

Interview mit Walter Hölzler (03/2004), Expeditionen

M2b Redaktion am 02.03.2004 - 09:55 Uhr

Im Jahre 2001 startete Walter Hölzler aus Oberstaufen im Allgäu sein größtes bergsteigerisches Abenteuer. Gemeinsam mit dem Profi-Extrembergsteiger Robert Jasper, dem Kameramann Jochen Schmoll und Rainer Treppte versuchten sie die Erstbegehung des etwa 1800 Meter hohen direkten Südwestpfeilers am Bhagirathi III (6454m) im indischen Himalaya zu realisieren. Nach gutem Beginn scheiterte das Unternehmen aufgrund extrem schlechter Witterungsverhältnisse. Schneestürme und Gewitter jagten die Bergsteiger aus der Wand.

Die 'Göttin des Himmelsstromes', wie der Bhagirathi übersetzt heißt, ist einer der heiligsten Berge Indiens, an dessen Fuß der Ganges entspringt.
Die Verwirklichung seines Traumes, nämlich die Erstbegehung einer der schönsten und schwierigsten Kletterlinien des Himalayagebirges, hat Hölzler nie aus den Augen verloren.
In diesem Frühjahr wird er gemeinsam mit Jörg Pflugmacher aus Garmisch-Partenkirchen einen weiteren Versuch dieser beeindruckenden Route mit satten 40 Seillängen unternehmen.

Mountains2b berichtet regelmäßig und aktuell von dieser Unternehmung, neueste Meldungen zum Stand der Vorbereitungen sind bereits auf der Internetseite Expeditionsbergsteigen zu finden.

Wir stellen Hölzler kurz vor und sprachen mit ihm über die vergangene (2001) und erneut anstehende Expedition (Frühjahr 2004); seine Biografie ist unter dem Text verlinkt.

Zur Person:
Walter Hölzler ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in einem 200 Jahre alten Bauernhaus in Oberstaufen im Allgäu. Er war lange Zeit Stützpunkttrainer der Deutschen Sportkletternationalmannschaft in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Sonthofen.
Nach seinem verletzungsbedingten Rücktritt aus der Skinationalmannschaft verlegt er seine sportliche Leidenschaft in das extreme Alpin-Bergsteigen. Mit 21 Jahren stieg er alleine durch die berüchtigte Nordwand des Matterhorn. Mit 22 Jahren stand er als 'jüngster Achttausender-Besteiger Europas' auf dem 8046 Meter hohen Shisha Pangma in Tibet und fuhr von 7400 Metern mit Ski ins Basislager ab. Im Alter von 25 Jahren fand bei seinem zweiten Himalaya-Besuch der Alleingang auf den 7145 Meter hohen Pumori (Tochter des Mt. Everest) statt.
Weitere Expeditionen auf der ganzen Welt folgten. Als er 1996 auf dem 6543 Meter hohen Shivling (Matterhorn des Himalaya) stand, entdeckte er seine 'Magic Line' am gegenüberliegenden Bhagirathi. Doch noch lies ihn die 'Göttin des Himmelstromes' nicht gewähren.

2004 folgt nun ein zweiter, hoffentlich erfolgreicher Versuch. Wer mehr über Walter erfahren möchte, findet reichlich Information auf seiner Homepage.

Mountains2b: Herr Hölzler, die Region des Bhagirathi ist Quellgebiet des Ganges, es gibt keine einfachen Gipfelrouten auf diesen Berg, seine Stützpfeiler sind markant - wie fiel Ihre Auswahl für die Expeditionen 2001 und 2004 gerade auf die 'Göttin des Himmelsstromes'?
Walter Hölzler: Ich war schon als Schüler und Jugendlicher bergfanatisch und kannte den Bhagirathi von Büchern und Zeitschriften. Seit Mitte der 80er Jahre ist er in Insiderkreisen der Extrembergsteiger bekannt. Die damals besten Kletterer der Welt versuchten sich an seinen Wänden. Er gehört mit seinen knapp 6500 Metern Höhe nicht zu den Himalayariesen, doch seine ungewöhnlich steilen und hohen Felsmauern machen ihn unnahbar und schön zugleich.
Ich glaube, ein Traum eines jeden Extrembergsteigers ist es, eine eigene, gedachte Route in die Realität umzusetzen; sprich: eine imposante Erstbegehung zu hinterlassen.
Als ich den Bhagirathi 1996 vom 6543 Meter hohen Shivling aus zum ersten Mal in Natur sah, prägte sich in mir eine gedachte Linie ein, die mein weiteres Bergsteigerleben nachhaltig beeinflussen sollte. Der Plan meiner Erstbegehung war geboren.

Mountains2b: Sie wollen in diesem Frühjahr vollenden, was 2001 knapp scheiterte: im Alpinstil, genauer gesagt im Rotpunktstil den noch unbestiegenen, direkten Südwetpfeiler über 40 Seillängen als erste Seilschaft zu erklettern. Welche Faktoren werden primär über Erfolg und Misserfolg entscheiden?Walter Hölzler: In erster Linie das Wetter, das zeigt meine Erfahrung von 2001. Dieses Mal starten wir deshalb etwas früher, Anfang Mai soll das Basislager eingerichtet sein.
Während der Vormonsunzeit ist das Wetter in dieser Region nicht besonders beständig, jedoch sind die Tage länger und wärmer als im Nachmonsun.
Wir hatten unseren Versuch 2001 jahreszeitlich gesehen etwas später platziert, sodass die Bedingungen aufgrund zunehmender feucht-warmer Luftmassen vom Indischen Ozean her immer unberechenbarer und problematischer wurden. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Mal etwas mehr Schnee haben, das Wetter dafür aber stabiler sein wird. Aufgrund der Steilheit des Geländes sollte ein wenig mehr Schnee übrigens auch kein schwerwiegendes Problem darstellen - allzu viel wird sich davon sowieso nicht im meist senkrechten Pfeiler halten.

Neben dem Wetter sind einige Passagen im VIII., möglicherweise im IX. Schwierigkeitsgrad zu bewältigen, eine absolute Herausforderung, der man sich nur bei einigermaßen angenehmen Temperaturen stellen sollte - ein Versuch im wetterstabilen Herbst, wenn die Temperaturen unter Null Grad Celsius sinken, erscheint mir in derartigem Gelände wenig erfolgversprechend.
Von unserer Begehung 2001 befindet sich nichts mehr außer ein paar Haken am Pfeiler. Wir werden die ersten 18 Seillängen wieder von neuem angehen müssen, bis wir nach ein paar Tagen zu unserem Umkehrpunkt gelangen. Die restlichen etwa 20 Seillängen zum Gipfel sind für uns absolutes Neuland.

Mountains2b: Was können Sie uns zu Ihrem Partner Jörg Pflugmacher sagen?
Walter Hölzler: Er ist ein natürlicher und netter Typ mit der Fähigkeit zu beißen, der auch bei harten Bedingungen schwer klettern kann. Das hat er zum Beispiel in Patagonien am Fitz Roy bewiesen. Wir kennen uns von unserem gemeinsamen Arbeitgeber, der Bundeswehr. Er ist Heeresbergführerausbilder an der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald, ich bin Ausbilder an der Sportschule der Bundeswehr in Sonthofen im Allgäu.

Im Dezember begannen wir, diesen Plan zu schmieden. Nach einer Woche Bedenkzeit stand das Projekt. Das Abwägen, in einem schnellen, dafür aber verwundbaren Zweierteam zu klettern, ist die Erfahrung meiner letzten Expeditionen: Zuviel Material muss in die Wand geschafft werden, um sich mit einem großen Team langsam hochzuarbeiten. Dabei steht man sich auch im Weg und die Zeit läuft davon. Ist man hingegen zu zweit unterwegs, müssen beide topfit sein, denn es gibt keinen 'Auswechselspieler'.
Leichtigkeit und Geschwindigkeit sind bei solch einem Unternehmen wichtige Faktoren. Ob die Entscheidung richtig war, wissen wir erst, wenn wir am Berg sind. Doch das ist die große Spannung, auf die wir uns schon wochenlang vorbereiten.

Mountains2b: Was ist für Sie bei der Art und Weise Ihrer Unternehmung wichtig ?
Walter Hölzler: Heutzutage wird jede kommerzielle Bergtour außerhalb der Alpen als Expedition deklariert. In manchen Gebieten gibt es schon eine Art Expeditionstourismus. Wir wollen 'back to the roots', zurück zu den Ursprüngen. Denn Expedition steht für das Erforschen des Unbekannten. Wenn ich zum Beispiel als 1200. Begeher mit Sauerstoffflaschen und Sherpas den Mt. Everest erreichen würde, dann wäre das sicher eine Leistung. Doch mit Expedition hat das für mich nichts zu tun. Bei unserem Unternehmen sieht es so aus, dass wir für den ungefähr drei- bis viertägigen Anmarsch zum Basislager rund 20 Träger benötigen. Denn für den vierwöchigen Aufenthalt am Berg brauchen wir zuviel Material, um es alleine dorthin transportieren zu können. Danach werden wir uns von den Trägern verabschieden und die nächsten 30 Tage nur mit einem Koch und einem Begleitoffizier - der dabei sein muss, sonst bekommt man keine Genehmigung - im Basecamp sein. Am Berg gibt es nur noch uns zwei, und keine Möglichkeit mehr, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. So etwas verstehe ich unter Expedition, doch das ist rein subjektiv und sollte nicht falsch verstanden werden. Solange es keine Regeln beim Bergsteigen gibt, kann jeder für sich entscheiden, welchen Weg er nimmt.

Mountains2b: Sie kennen also auch die kommerzielle Art des Expeditionsbergsteigens?
Walter Hölzler: Ja, ich kenne Großexpeditionen ebenso wie das Kommerzialisieren der bekannten Berge auf allen Kontinenten - meine Vorstellung vom Bergsteigen sieht nach der Erfahrung etwas anders aus: Weniger teuer und mit einem durchaus höheren Erlebniswert versehen!
Viele Leute am Berg können sowohl mehr Sicherheit als auch eine größere Gefährdung bedeuten. Ein erhöhtes Risiko ist bei zunehmender Anzahl der Expeditionsteilnehmer nicht von der Hand zu weisen, denn es zeigt sich immer wieder, dass nicht alle Teilnehmer dieser Massenspektakel auch den enormen Belastungen gewachsen sind. Und schließlich entsteht in stark bevölkerten Basecamps Ärger bis hin zu Streitereien um die besten Biwakplätze. Das habe ich als Bergführer selbst erlebt.
Auch wenn viele Leute über Reinhold Messner schimpfen, irgendwo respektiere ich seine Art, wie er berggestiegen ist - so denke ich an die erste Überschreitung der Gasherbrum`s, zwei Achttausender hintereinander, im Alpinstil zusammen mit Hans Kammerlander. Das stellte eine neue Epoche im Himalaya-Bergsteigen dar.

Mountains2b: Zurück zu Ihnen. Wie sieht die direkte Vorbereitung aus, was hat Ihr individueller Trainingsplan zu bieten?
Walter Hölzler: Ein tägliches Programm! Und zwar seit den Weihnachtsfeiertagen. Das war der offizielle Startpunkt für unsere 'German Bhagirathi-Alpinstilexpedition 2004'.
In den vier Monaten bis zur Abreise nach Indien am 25. April trainiere ich insbesondere meine Ausdauer, momentan in Form von Bergläufen unter erschwerten Bedingungen: ohne Frühstück, auch bei Dunkelheit, extremer Kälte und Niederschlägen. Es geht darum, neben guten Kraft- und Ausdauerwerten Zähigkeit und psychische Belastungsfähigkeit mitzubringen.
Als Vorbereitung dient mir auch das Winterbergsteigen. Fast jedes Wochenende bin ich mit Jörg 'Pflugi' Pflugmacher in den Allgäuer beziehungsweise Tannheimer Alpen unterwegs.

Mountains2b: Ihnen unseren Dank für die Teilnahme an diesem Gespräch. Kehren Sie am 11. Juni wohlbehalten zurück!
Walter Hölzler: Ich möchte mich auch recht herzlich für das Interview bedanken und Ihren Rat befolgen. Denn kein Berg kann so wichtig sein, wie unsere Gesundheit.

Wer eine Grußpostkarte von Walter Hölzler direkt aus dem Basislager erhalten möchte, kann dies mit einer kleinen Spende von zehn Euro in die Expeditionskasse verwirklichen.
Mehr darüber ist auf der Seite Expeditionsbergsteigen zu erfahren.


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