Interview mit Wolfgang Wabel (06/2004), Sportklettern
M2b Redaktion am 23.06.2004 - 14:15 Uhr
Seit 2002 leitet Wolfgang Wabel beim
Deutschen Alpenverein die Abteilung 'Spitzenbergsport' - wir sprachen mit dem Sportökonom über die Zielsetzung des Verbandes für die laufende EM im Sportklettern in Lecco (Italien), über den Ausfall von Christian Bindhammer, Katrin Sedlmayer und Nicola Haager und die weitere Saisonplanung.
Mountains2b: Herr Wabel, Christian Bindhammer liegt mit Fieber krank im Bett und wird nicht an der EM in Lecco teilnehmen können - wie schwer wiegt diese Absage?
Wolfgang Wabel: Auch wenn Christian (IG Klettern München) bei den ersten beiden Weltcups der Saison in Puurs und in Imst unter seinen Möglichkeiten geblieben ist: Er ist unser international erfahrenster Athlet, sein Ausfall ist ein herber Verlust und nicht zu kompensieren. Zu welch starken Leistungen er insbesondere bei Großveranstaltungen in der Lage ist, hat er gerade erst mit seinem Sieg beim Masters in China, aber auch schon im letzten Jahr bei der Weltmeisterschaft unterstrichen. Sein Ausfall ist fraglos eine Schwächung.
Mountains2b: Der Verband hat mit Katrin Sedlmayer (Bayerland) und Nicola Haager (Oberland) kurzfristig zwei weitere Ausfälle zu verkraften ...
Wolfgang Wabel: ... leider ist das so. Beide Athletinnen hätten den Boulderwettkampf der Damen bestreiten sollen, mussten aber absagen. Zwar sind sie am trainieren, laborieren aber nach wie vor an Fingerverletzungen, die noch nicht völlig auskuriert sind - die extreme Belastung des Wettkampfes wäre in dieser Situation zu gefährlich und könnte den weiteren Saisonverlauf gefährden.
Ihr Fehlen ist besonders schade, weil wir zuletzt gerade im Boulderbereich eine deutliche Leistungssteigerung der Aktiven verzeichnet haben. Bei einem Einzelwettkampf wie der EM ist immer etwas möglich, im Unterschied zum Weltcup, der für eine Topplatzierung im Schlussklassement eine langanhaltende gute Form verlangt.
Schließlich wurde unsere Mannschaft durch die Ausfälle dezimiert, auch Timo Preußler (Schwäbisch Gmünd) und Marietta Uhden (Bergland) fehlen - Timo macht eine Wettkampfpause, Marietta hat mit einer Schulterverletzung zu tun. Für das Sebstvertrauen wäre ein größeres Team natürlich besser, ändern können wir das jetzt aber nicht mehr - die Krankenfraktion war hochmotiviert, gefahren wären alle gern; doch es machte keinen Sinn, das Bouldern bei den Damen findet so ohne deutsche Beteiligung statt.
Mountains2b: Wie sieht die Zielsetzung des DAV für Lecco aus?
Wolfgang Wabel: Im Schwierigkeitsklettern streben wir einen TopTen-Platz an; ich baue besonders auf Markus Hoppe (SBB) und Andi Bindhammer (IG Klettern München), sie haben mittlerweile Erfahrungen gesammelt und sind dazu in der Lage. Dank der Quotierung, nach der in einer Disziplin nur fünf Athleten pro Nation an den Start gehen dürfen, werden neben den Franzosen auch andere Nationen gute Resultate erzielen - ich hoffe, wir zählen dazu.
Mountains2b: Und beim Schwierigkeitsklettern der Damen und dem Bouldern der Herren?
Wolfgang Wabel: Damaris Knorr (Ludwigsburg) befindet sich nach einer Knorpelverletzung in einem Finger ganz klar auf dem aufsteigenden Ast. Inwieweit sie mit der aktuellen Weltspitze wird mithalten können, bleibt abzuwarten. Hier sind seit jeher die Französinnen und jüngst insbesondere auch die Österreicherinnen unwiderstehlich stark.
Für das Bouldern der Herren haben wir mit Karsten und Andre Borowka (beide SBB), Chrissi Benk (Allgäu-Kempten), Thorsten Neuhaus (Wuppertal) und Peter Würth (Ludwigshafen) das volle Kontingent gemeldet. Eine Platzierung unter den ersten Zehn sollte möglich sein, die Athleten haben in den letzten Monaten ganz hervorragend mit Bundestrainer Christoph Finkel gearbeitet und sind entsprechend besser geworden. Karsten Borowka hat schon mehrfach unter Beweis gestellt, dass mit ihm zu rechnen ist, hervorheben möchte ich an dieser Stelle aber Peter Würth, der zuletzt einen besonders großen Schritt nach vorne gemacht hat.
Mountains2b: Wie hat die Vorbereitung auf die EM in Lecco beim DAV ausgesehen?
Wolfgang Wabel: Wir haben den Aktiven in diesem Jahr verstärkt Trainingsmöglichkeiten in Form von mehrtägigen bis hin zu einwöchigen Kursen mit dem Bundestrainer gegeben. Das wurde angenommen und positive Effekte sind, wie bereits erwähnt, auch eingetreten; was vor dem Hintergrund der im nächsten Jahr anstehenden Weltmeisterschaft, die wir in Deutschland (München) ausrichten, sehr erfreulich ist.
Mountains2b: Die WM im eigenen Land - enstehen da besondere Erwartungen?
Wolfgang Wabel: Sicherlich gesteigerte Erwartungen. Gerade vor dem Hintergrund der vergangenen und dieser Saison ist mir aber nicht Bange, im Gegentail: Ich sehe uns auf einem guten Weg. Wir unterstützen unsere Aktiven, soweit es uns möglich ist. Die Athletinnen und Athleten sind entsprechend motiviert und danken es mit immer stärkeren Leistungen.
Ziel ist es, mit der WM 2005 den Klettersport weiter zu bringen, ebenso erhoffe ich mir aber auch, weitere Sponsoren für unsere Aktiven zu finden. Denn nach wie vor ist es so, dass es ohne Sponsoren nicht geht; der Alpenverein alleine verfügt nicht über ausreichend Mittel, seinen Aktiven eine professionelle Ausübung ihres Sports zu ermöglichen. In Frankreich zum Beispiel werden wesentlich mehr Sportler dahingehend gefördert, dass sie das Klettern als Profis betreiben können. Entsprechend zahlreich sind die französischen internationalen Topathleten. Hier müssen wir neue Wege erschließen.
Mountains2b: Wo liegen die Schwerpunkte im weiteren Saisonverlauf nach der Europameisterschaft?
Wolfgang Wabel: Ganz klar bei den Weltcups, die hauptsächlich im Herbst stattfinden werden. Unsere Aktiven sind gerade zum Ende der letzten Saison am stärksten gewesen, ich rechne auch in diesem Jahr mit weiteren Leistungssteigerungen - als Ziel gebe ich aus, im Bouldern Anschluss an die Weltspitze herzustellen, im Schwierigkeitsklettern sollten wir unser Niveau mindestens halten.
Mountains2b: Danke, dass Sie Sich Zeit für uns genommen haben.
Information und Kontakt
Deutscher Alpenverein
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