Walter Hölzler im Interview (06/2004), Expeditionen
M2b Redaktion am 07.06.2004 - 11:55 Uhr
Nunmehr acht Jahre ist es her, da Walter Hölzler die Route über den direkten Südwestpfeiler auf den Gipfel des Bhagirathi III (6454 Meter, 'Göttin des Himmelsstromes') im indischen Himalaya erstmals vom Shivling (6543 Meter, Matterhorn des Himalaya) aus vis-a-vis vor Augen hatte - zweimal, 2000 und 2001, warf ihn der Berg seitdem ab. Das doppelte Scheitern hat unterstrichen: Nur wenn die äußeren Bedingungen perfekt und die Teilnehmer der Expedition außerordentlich gut vorbereitet sind, ist ein erfolgreicher Gipfelvorstoß über diesen Weg möglich.
Die Verwirklichung seines Traumes, die Erstbegehung einer der schönsten und schwierigsten Kletterlinien des Himalayagebirges, hat Hölzler trotz der Rückschläge nie aus den Augen verloren. Am 19. Mai 2004 stand der Oberstaufener (Allgäu) gemeinsam mit Jörg Pflugmacher aus Garmisch-Partenkirchen nach 30 Seillängen schwierigster Kletterei auf dem Gipfel.
Wir sprachen mit Hölzler über die Verwirklichung seiner 'Magic Line'. Er und Jörg Pflugmacher berichteten im Abstand von einigen Tagen regelmäßig über ein Satellitentelefon aus Indien, diese Artikel sind am Ende des Interviews verlinkt.
Mountains2b: Herr Hölzler, wie fühlen Sie Sich nach der Erstbegehung dieser selten schweren Himalayaroute?
Walter Hölzler: Gut, ich bin sehr glücklich und erleichtert. Mein bergsteigerischer Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen, das kann ich tatsächlich so sagen - andernfalls wäre ich gar nicht zum dritten Mal zu diesem Berg aufgebrochen.
Als ich meine Linie 1996 vom Shivling aus entdeckt habe, bin ich davon ausgegangen, dass sie bei der ersten Expedition zu schaffen ist. Nach dem Fehlversuch 2001 sagte Robert Jasper, einer der besten Eiskletterer der Welt, mit dem ich neben Jochen Schmoll und Rainer Treppte diesen zweiten Versuch unternommen hatte, die Route sei für eine freie Begehung vermutlich zu schwer, möglicherweise aber auch gar nicht machbar. Auch ich war in manchen Momenten skeptisch, habe aber nie die Überzeugung aufgegeben, dass es klappen kann. Zu Hause saß ich tagelang vor vergrößerten Wandbildern und suchte nach kletterbaren Rissen und Wandstrukturen. Jetzt ist es geschafft, und ich merke, dass mit dem Abstand von ein paar Tagen zusehends eine große Freude und innere Befriedigung an die Stelle von Anspannung und Anstrengung tritt. Auch wenn ich noch gar nicht richtig realisieren kann, dass mein Traum, den ich seit acht Jahren zu verwirklichen versuchte, jetzt in Erfüllung gegangen ist.
Mountains2b: Sie sind in jungen Jahren allein durch die Nordwand des Matterhorn gestiegen, waren auf dem Shisha Pangma (8046 Meter), solo auf dem Pumori (7145 Meter) und dem Shivling - allesamt große alpinistische Herausforderungen. Welchen Stellenwert misst der jüngste europäische
Achttausender-Bergsteiger seinem Erfolg am Bhagirathi bei?
Walter Hölzler: Klettersportlich gesehen war das die schwerste Himalaya-Tour, die ich je gemacht habe - noch schwerer kann ich in dieser Höhe nicht klettern. Gerade vor dem Hintergrund der Sauerstoffarmut, der Abgeschiedenheit und der außerordentlichen Kletterlänge war dieser Eckpfeiler der Bhagirathi-Westwand ein echter Hammer. Ich werde ein solches Projekt nicht nochmal anpacken.
Im Nachhinein stelle ich fest, dass meine ursprüngliche Annahme, den Bhagirathi auf diesem Weg auf Anhieb erstzubegehen, zu optimistisch war. Vielmehr sage ich heute, dass wir es ohne die Erfahrung der zwei gescheiterten Versuche wohl nicht, oder nur mit einem viel höherem Zeit- und Materialaufwand geschafft hätten.
Mountains2b: Wie ist die erfolgreiche Begehung im Detail vonstatten gegangen?
Walter Hölzler: Wir waren neun Tage in der Wand, davon sechs Tage am Stück bis zum 19. Mai; das Ganze war eine Mischung aus Expeditions- und Alpinstil.
Nach dem Hochlager auf etwa 5000 Meter Höhe, das rund eine Geh- beziehungsweise Kletterstunde vor der Wand und der eigentlichen Kletterei auf einem Gratabsatz platziert gewesen ist, hatten wir das erste Drittel des Pfeilers mit rund 400 Metern Fixseilen gesichert. Beim Durchstieg mussten wir dann alles mitnehmen, weil wir die Seile weiter oben brauchten - damit waren wir abgenabelt. Schlechtwetter hätte das jähe Ende des Versuchs bedeutet, da die erneute Installation der Seilversicherung zu aufwendig gewesen wäre. Ein absoluter Neustart hätte kräfte- und zeitmäßig nicht mehr geklappt. Das heißt: Es gab nur einen Versuch! Die Wettervorhersage war für die folgenden vier Tage gut, für die Zeit danach blieb nur die Hoffnung, dass es nicht umschlagen würde. Als wir am 19. Mai morgens um fünf Uhr gestartet sind, war es noch klar. Doch schon bald zogen verdächtige Wolken an den Berg. Nach den letzten schweren Seillängen erreichten wir gegen 14 Uhr die etwa 400 Meter hohe 'brüchige Wand'; Nebelschwaden hüllten uns ein. Unsere Entscheidung fiel so aus, dass wir seilfrei im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad Richtung Gipfel klettern wollten - 15.30 Uhr sollte unsere 'Deadline' sein: Egal, welcher Punkt dann erreicht sein würde, um diese Zeit würden wir umdrehen, da ein schwieriger Rückweg bevorstand. Für ein Biwak im Gipfelbereich waren wir nicht optimal ausgerüstet. Um Punkt 16 Uhr erreichten wir schließlich doch noch den ersehnten Gipfel.
Beim Rückweg mussten wir - wiederum im dichten Nebel - 400 Höhenmeter abklettern. Erst dann konnten wir Abseilen. Um 22 Uhr begann in stockdunkler Nacht die letzte Abseilfahrt des Tages, direkt zum Hängebiwak und hinein ins Portaledge.
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