Chaos am Mount Everest: Sperrung behindert hunderte Bergsteiger
M2b Redaktion am 05.05.2008 - 11:18 Uhr
Chaos am höchsten Berg der Welt! Nachdem sich derzeit die Olympische Fackel auf dem Weg zum Gipfel befindet, wurde der Berg für die zahlreichen Expeditionen vor Ort bis zum 6. Mai gesperrt. Vorbereitungen und Akklimatisation werden dadurch extrem eingeschränkt, viele Bergsteiger fürchten um ihren Erfolg am Mount Everest. Wie sehr die Behörden vor Ort darauf aus sind, jegliche negative Berichterstattung zu verhindern, beweist die Tatsache, dass Wanderer nicht mehr ins Basislager aufsteigen dürfen und jegliche Kommunikation von dort nach außen untersagt ist. Es ist nur möglich, nach außen Informationen zu tragen, wenn man ins das erste Dorf absteigt, dass einen Internetanschluss besitzt. Dies hat Stephan Keck, der sich derzeit auf seiner Expedition "Back to the Roots" befindet (Mountains2b berichtete!), getan. Hier lesen Sie, was der Extrembergsteiger auf seiner Solo-Tour und am Everest in den letzten zehn Tagen erlebt hat!
22.04.08: Everest BC 5364m – Lager I 5975m
„Morning“ - 3:30 h ein Schrei von Noppi (Anm. d. Rede: Norbert Joos (SUI) befindet sich auf dem Weg zu seinem 14 Achttausender. Damit wäre der Schweizer erst der 14. Mensch, der alle 8000er bestiegen hat. Hier lesen Sie den Bericht von Mountains2b aus dem Februar 2008), und alle sind wach. Ich drehe mich noch bis 4:00 h hin und her und beginne dann, mich im gefrorenen Zelt langsam anzuziehen. Nachdem ich alle Sachen schon gestern gepackt habe, ist das Aufstehen trotz Kälte und Eis im Zelt schnell erledigt. Ich gehe noch schnell ins Esszelt. Zum Frühstück gibt es eine Tasse Tee und ein paar Stück Schüttelbrot. Gurt und Steigeisen werden angezogen und dann geht es um 5:00 h los. Das erste Stück durch den Eisbruch gehe ich mit Köbi und Noppi neben vielen anderen Aufsteigenden gemeinsam. Nach einer Stunde auf und ab im Eis beginnt sich der Khumbu Eisbruch langsam aufzusteilen und auch die Leute und Träger, die unterwegs sind, beginnen sich langsam zu verteilen. Die Spalten werden immer größer und das Eis immer undurchdringlicher. Doch der Weg durch den Eisbruch wurde von den Sherpas im Grossen und Ganzen sehr gut angelegt. Es gibt nur ein bis zwei Stellen auf dem Auf- und Abstiegsweg durch den Eisbruch, die meines Erachtens sehr bedenklich sind. Diese muss man dann so schnell wie möglich hinter sich lassen und schauen, dass man nicht zu viel darüber nachdenkt. Riesige Spalten können wir über Leitern überwinden und fast der gesamte Eisbruch ist mit Fixseilen versichert. Vier Stunden geht es quer durch Spalten und Seraks, bis ich das obere Ende des Eisbruches erreiche. Zu dieser Zeit kommt dann auch die Sonne durch. Der Gletscher wird dann flach, doch die Spalten werden nicht wirklich weniger. Es ist ein ständiges Auf und Ab im Eis. Nach 4,5 Stunden erreiche ich Lager I. Es stehen schon zahlreiche Zelte der anderen Expeditionen da. Nach einer kurzen Pause beginne ich bei schönstem Wetter und Windstille meinen Lagerplatz herzurichten. Da ich alles selber trage und keine Sherpas habe, wäre es für mich nicht heute nicht möglich gewesen, Lager I auszulassen und gleich Lager II einzurichten. Ich bin froh, dass ich mit den 18 Kilogramm gut im Lager I angekommen bin. Der Aufbau des Zeltes geht schnell voran, doch die Verankerung gestaltet sich etwas schwieriger, da ich vergessen habe, Bambus Anker mitzunehmen. So muss ich sechs Löcher graben und mit Schnee gefüllte Säcke als Anker vergraben. Doch nach 1 1/2 Stunden Arbeit steht Lager I auf 5975m. Ich probiere noch kurz das illegale Telefon aus, und muss feststellen, dass der Empfang perfekt ist. Nach einer halben Stunde Pause geht es wieder durch den Eisbruch retour ins Basislager. Der Abstieg in der Mittagssonne ist nicht nur bedenklich, sondern auch unerträglich heiß. Allerdings hört man es den ganzen Tag und auch in der Nacht krachen und so kann man nie genau sagen, wann der nächste Eisturm in sich zusammenfällt. Schnelles Gehen und keine Pausen im Eisbruch verringern das Risiko ein wenig. Um 13:30 h erreiche ich wieder das Basislager. Purna hat schon Eistee für mich parat und nach einigen Tassen Tee und einem Stück Speck bin ich schon wieder ein neuer Mensch. Lager I ist nun mit einem großen Vaude Zelt, Leicht-Schlafsack, Isomatte, Kocher, Gas, Futter und Feuer ausgestattet. Nach zwei bis drei Tagen Ruhepause im BC werde ich dann alles für Lager II und Essen für drei bis vier Tage raufbringen und dann auch vier Tage oben bleiben. Aber im Moment ist wieder einmal ausruhen und langsames Akklimatisieren angesagt. Die Schneeverhältnisse am Berg sind sehr schlecht. Die Lhotse Flanke ist im Moment fast schneefrei und der Gletscher ist blankes Eis. So wie es zurzeit ausschaut, besteht keine Chance Schi zu fahren. Vielleicht gibt es ja in den nächsten Wochen noch etwas Schnee ab. Was die Chinesen auf der Nordseite betrifft, sind die scheinbar noch nicht höher als 7000m – widersprüchlich dazu wollen sie aber schon am 28.04. einen Gipfelversuch starten – bzw. ist dieser Tag laut Auskunft von www.everest.net und Anita als Gipfeltag geplant. We will see! Nach einer kurzen Pause im Zelt kann ich auch heute wieder perfekt illegal mit Anita und Tom telefonieren. Es folgt ein gemütlicher Nachmittag und ich bin dann schon um 19:00 h im Schlafsack verkrochen und weggeschlafen."
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23.04.08: Everest BC 5364m
"Ruhe und Waschtag im BC. Nach einem Frühstück bei den Schweizern mit frisch gebackenen Nussgipferln aus der Basislager Bäckerei habe ich mir eine Dusche mit Haarwaschen – zum 1. Mal Haar waschen seit ich von zu Hause weg bin - gegönnt. Im Anschluss kommt die Wäsche dran. Zu Mittag hat Purna dann Speckknödel mit Krautsalat als Probedurchgang gekocht – ausgezeichnet. So kommen heute Abend wieder einmal die Schweizer zu mir auf Knödel und Kaiserschmarrn – sieht fast so aus, als würden wir nur faul herumhängen und futtern – doch der Körper braucht es und in dieser Höhe gibt es auch wenn man faul herumhängt fast keine Erholung für den Organismus. Jetzt ist endlich wieder alles sauber, inkl. mir. Außer meiner Familie – meine Frau und die beiden zwei kleinen Saubären - fehlt mir eigentlich fast nichts im Moment."
24.04.08: Everest BC 5364m
Ein chinesischer Besuch und 3-tägiges nepalesisches Militärkasperltheater ist vorbei. Seit drei Tagen warten nun die circa 60-80 Soldaten, bzw. Polizisten auf hohen Besuch aus Kathmandu. Täglich bereiten sie den Landplatz für einen Hubschrauber vor. Die letzten zwei Tage wurden Tee, Stühle, Tische usw. zum Landeplatz gebracht und zu Mittag wieder abtransportiert. Das nennt man effektive Planung bzw. perfekte Organisation, so wie man es gewohnt ist von Nepal und China. Doch heute hat es Tatsächlich geklappt und gegen 10 Uhr landet eine MI17 des nepalesischen Militärs knapp 50 Meter vor unseren Zelten. Die Maschine setzt nur kurz ab und lässt vier Chinesen aussteigen, die vom hiesigen Militär freudig empfangen werden. Es folgt ein Foto Shooting für die Herren Chinesen im BC. Es wird gefilmt und in verschiedensten Posen fotografiert. Nach circa 10 Minuten kommt die Maschine noch einmal und bring ranghohe Offiziere des nepalesischen Militärs sowie den Tourismus Minister von Nepal. Die Maschine verlässt auch dieses Mal das BC wieder ohne abzustellen. Es befinden sich nun sicher an die 100 Personen in der Nähe des Helilandeplatzes und es wird eifrig gestikuliert und diskutiert – oder soll man sagen, es wird den Chinesen fleißig in den Arsch gekrochen. Nach einer halben Stunde ist der ganze Zauber vorbei, die Maschine kommt wieder, die alten Männer werden verladen und Ende der Sightseeing Tour. Ich kann wieder einmal viele Fotos machen und im Anschluss geht es ab zum verspäteten Frühstück mit Hüttenbrot, Speck, Käse usw. Purna meint, dass die Verhandlung eventuell eine Öffnung bis Lager III ergeben könnte, doch wie immer ist es auch möglich, dass der Berg bis 10.5. fix geschlossen bleibt. So wie es aussieht, haben die Herrn BC Officer nun erst einmal einen Tag Arbeit mit der Nachbesprechung, eventuell kriegen wir ja morgen Bescheid. Ich sitze nun bei Noppi im Zelt, da meine Solaranlage irgendwie ein bißchen spinnt. Einen Tag geht sie, am nächsten Tag geht wieder gar nichts – ist mir irgendwie unerklärlich. Doch solange ich irgendwie irgendwoher Strom kriege, ist alles ok. Telefon und E-mail gibt es ja nach wie vor offiziell nicht. E-mail gibt es sowieso nur, wenn ich es schaffe, einen Touristen mit Speicherstick mitzugeben bzw. im BC eine leere CD zu finden, die ich dann rausschicke und von Namche oder Lukla verschicken lasse. Der Rest des heutigen Tages dient wieder einmal der passiven Akklimatisation. Außerdem packe ich alles für Lager II, sodass ich vier Tage oben bleiben kann. Eventuell mache ich mich morgen wieder auf den langen Weg durch den Eisbruch. Ich werde Purna bitten, dass er für mich bis Tenboche geht und das aktuelle Tagebuch inkl. Bilder nach Hause schickt. Da ich vorhabe, vier Tage am Berg zu bleiben, sollte das für Purna kein großes Problem sein. Hoffe, dass alles klappt und endlich wieder einmal News zu Hause ankommen.
25.04.08: Everest BC 5364m – Lager I 5975m
"Heute habe ich einen kapitalen Fehler gemacht – ich war zu faul zum Aufstehen. Am Anfang ist das ganz angenehm, wenn man liegen bleibt bis das Eis im Zelt weg ist und die Sonne so heiß , dass man gerne aus dem Schlafsack kriecht. Dann folgt ein gemütliches Frühstück, die restlichen Sachen werden gepackt und schließlich schaffe ich es tatsächlich, um 10 Uhr bei schönstem Sonnenschein und voll bepackt mit 20 Kilogramm Material für Lager II aufzubrechen. Der gesamte Eisbruch liegt inzwischen in der Sonne und es hat bestimmt 20 °C + und zu meinem Glück geht absolut kein Wind. Also schwitze ich mich im Schneckentempo circa vier Stunden durch Seraks und Gletscherspalten bis Lager I. Im Lager I angekommen beschließe ich, eine oder zwei Nächte hier zu bleiben. Es folgen die üblichen Lagertätigkeiten wie Schnee schmelzen, Tee und Suppe kochen und bei 30 °C im Zelt zu schwitzen. Während meines Aufstieges wurde heute ein Expeditionsteilnehmer einer anderen Gruppe ausgeflogen. Auch Noppi und Köbi sind heute bis Lager II aufgestiegen. Es ist gut zu wissen, dass Menschen unterwegs sind, mit denen ich gut auskomme. So können wir uns zumindest gelegentlich gegenseitig kontrollieren, bzw. darauf achten, dass keiner fehlt. Da ich meine schwarze Jacke mit den Notfallmedikamenten im BC vergessen habe, folgt eine etwas unangenehme Nacht. Nach dem Aufstieg in der vollen Mittagssonne hat mein Körper wohl einen leichten Sonnenstich davon getragen. Ich war schon eingeschlafen als ich gegen 22:00 Uhr wegen extrem starker Kopfschmerzen und Übelkeit wieder aufgewacht bin. Zuerst bin ich mir nicht ganz sicher, ob es an der Höhe liegt. Zur Vorsicht habe ich versucht, sitzend weiterzuschlafen. Mit einem Aspirin wäre das eine ganz ordentliche Nacht geworden. Später habe zum Glück noch an meine vier Tagesrationen von Flavanol gedacht. Ich habe mir die maximale Dosis von 750mg eingeworfen und nach einer Stunde bis zum Morgen durchgeschlafen."
26.04.08: Lager I 5975m – Lager II 6500m
"Das Erwachen am Morgen war nicht viel besser als das Einschlafen. Zwar waren die Kopfschmerzen und die Übelkeit weg, dafür habe ich eine riesige Fieberblase bekommen, die ganz schön bis auf die Zähne und das rechte Auge ausstrahlt. Ich habe mich gleich wieder umgedreht und weitergeschlafen – selber Fehler wie gestern. Um 12:00 h bin ich dann los mit wieder einmal 20 Kg am Rücken Richtung Lager II. Der Aufstieg ist recht angenehm und ich komme auf dem mäßig steilen Gletscher gut voran. Nach zwei Stunden erreiche ich das untere Ende vom Lager II. Da ich mit Noppi abgemacht habe, dass ich mein Material bei ihm im Zelt deponieren darf, habe ich mich auf die Suche nach diesem einen Zelt zwischen 150 Zelten gemacht. Nach 1,5 Std. habe ich die Suche aufgegeben, quer durch riesige Mannschaftszelte mit Stromaggregaten, Solaranlagen, Heizung usw. erreiche ich irgendwann den höchsten Punkt, wo mich dann das Militär daran hindert, weiterzugehen. Ab 6540 Meter ist Sperrgebiet. Auf dem Retourweg entdecke ich die Zelte von Kari Kobler. Auch Kari selber ist da und ich kann mein Material problemlos bei ihm deponieren. Nach einem kurzen Plausch und einem Tee im Küchenzelt machte ich mich wieder auf den Weg ins Lager I. Bei schönster Abendstimmung erreiche ich mein Zelt gegen 17:30 h. Wieder gibt es Tee und Suppe. Und dann folgt eine gemütliche Nacht ohne irgendwelche Beschwerden."
27.04.08: Lager I 5975m – Lager II 6500m
"Heute habe ich es tatsächlich schon kapiert und bin etwas früher aus dem Zelt, um der Hitze zu entgehen. Es ist wirklich angenehmer, nicht in der Mittagssonne aufzusteigen. Nachdem ich das Zelt abgebaut habe und der Schlafsack, Isomatte, Kocher usw. verpackt ist, geht es wieder los Richtung Lager II. Da stehen ja immer noch die circa 150 Zelte. Gegen Mittag finde ich einen Platz in der Moräne, wo ich mit etwas Arbeit mein Zelt aufstellen kann. Noppi habe ich auch bei diesem Aufstieg nicht gesehen. So mache ich mich an die Arbeit, meinen Zeltplatz aus dem Eis zu schlagen. Nach zwei Stunden steht das geräumige Space K2 Zelt von Vaude wie auf einem Adlerhorst in der Moräne. Es folgt, wie üblich, eine Pause, bis ich mich aufraffe das deponierte Material bei Kari abzuholen. Um 17 Uhr krieche ich dann ins Zelt und beginne mit dem Schnee schmelzen. Doch der Schnee ist voll Staub und Schmutz und das geschmolzene Resultat zum Kotzen. Ich kann mich nicht überwinden, das Zeugs zu trinken oder eine Suppe zu kochen. Mit Verachtung würge ich eine Dose Fisch hinunter und verkrieche mich in meinem Schlafsack. Die Nacht verläuft trotz Flüssigkeitsmangel recht komfortabel."
28.04.08: Lager II 6500m
"Erst als die Sonne zu heiß wird, bewege ich mich langsam in meinem Schlafsack. Ich muss Trinken, ist meine erster Gedanke. Ich habe zwar keine Kopfschmerzen, fühle mich aber total ausgetrocknet. Was soll’s, ich würge das Schmelzwasser mit Riccola Kräutertee hinunter und lümmle weiter im Zelt herum. Irgendwann kommt dann ein anderer Druck und ich muss aus dem Zelt. Drückende Hitze im Zelt und akute Verbrennungsgefahr. Vor allem für meine Fieberblase ist es besser, wenn ich im Zelt bleibe. So kriege ich fast einen Hitzeschlag. Ans Essen brauche ich auch nicht zu denken. Es graust mich einfach von jeder Art Essen und Trinken. Und was noch dazu kommt ist, dass man alleine ist, niemand da ist, der einem zu irgendwas motiviert – weder zum früh Aufstehen noch zum Kochen oder zum Essen. Ich esse und trinke also wieder den ganzen Tag fast nichts. Gegen 16 Uhr, als ich zufällig aus dem Zelt schaue, geht tatsächlich die nepalesische Form von Rambo an mir vorbei. Ein Soldat mit einem höchst modernen Schussgerät, mega Objektiv und Nachtsichtgerät – und das im Lager II. Das kenne ich nicht einmal von Pakistan. China macht’s möglich!
Da ich mich nicht mehr zum Kochen motivieren kann, folgt wieder einmal eine unruhige Nacht. Jede Stunde ein Blick auf die Uhr – so etwas gibt es bei mir normalerweise überhaupt nicht. Ich muss darauf achten, dass ich beim nächsten Aufstieg anderes Essen und Verdünnungssaft mitnehme."
29.04.08: Lager II 6500m – BC 5364m
"Gegen 5:00h beginne ich, mich vollkommen ausgetrocknet im Schlafsack hin und her zu wälzen. Nicht lange dauert es, bis ich meinen Rucksack gepackt habe und um 6:00 h geht’s abwärts Richtung BC. Unerwartet kalt geht es vorbei an der noch schlafenden Zeltstadt, sehr schnell spüre ich die Folgen der Entwässerung meines Körpers. Kalte Zehen und Finger, die ich nicht mehr spüre. Wieder wird mir bewusst, dass ich mich mehr unter Kontrolle haben muss und konsequent zumindest trinken muss. Ich komme schnell voran und mache noch einige Bilder der ersten Sonnenstrahlen am Pumori. Aber auch das lasse ich schnell wieder, denn auch dem Akku meiner Kamera ist zu kalt. Im Lager I setze ich mich kurz hin, um zu rasten. Doch ein leichter Wind und eine Saukälte treiben mich schnell weiter nach unten. Es begegnen mir im Abstieg durch den Khumbu Eisbruch circa 60 Sherpa Träger, aber zu meiner Überraschung nur drei ausländische Bergsteiger. Um neun Uhr erreiche ich das Basislager - zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen. Die letzten Tage haben mir ziemlich zugesetzt. Ich habe sicher fünf Kilogramm verloren. Aber ich bin nun auch sicher gut an Lager II, sprich eine Höhe von 6500m angepasst. D.h. es gibt für mich nun kein Lager I mehr, da ich sonst zu viel Material am Berg hätte. Ich habe einfach das Zelt Lager I nach oben verschoben und muss von nun an immer direkt ins Lager II aufsteigen. Im BC angekommen mache ich mich sofort auf die Suche nach etwas Trinkbarem. Das gelingt mir sehr schnell, denn wie immer hat Purna einen Krug kalten Tee für mich im Esszelt parat. Ich trinke sicher drei Liter und mein Erschöpfungszustand verbessert sich schnell. Purna taucht in der Zwischenzeit auch auf und klärt mich über die neuesten BC News auf. Gestern hatten alle ein Meeting im BC, dabei wurde festgelegt, wer die weitere Route am Berg versichert. Die Sherpas aus den fünf größten Teams werden diese Arbeit verrichten. Dabei wurden auch wieder einmal Zahlen bekannt gegeben. Es befinden sich zurzeit 279 ausländische Bergsteiger im BC, davon wollen circa 60 auf den Lhotse und der Rest auf den Everest. Die Teams werden von ca. 400 Einheimischen unterstützt – Köche, Träger, etc. Der Berg ist nun offiziell von 1. – 6. Mai geschlossen, d.h. wenn die Chinesen ihr Feuerspielchen bis 6. nicht geschafft haben, bleibt der Berg bis auf weiteres geschlossen. Geschlossen heißt, dass niemand über das BC hinaus darf. Ausgenommen Träger in Begleitung eines Offices. Wie sind die Aussichten eines Gipfelerfolges der Chinesen im vorgegebnen Zeitfenster? Das wissen wir leider nicht. Der Wetterbericht für 1. und 2. Mai ist perfekt, doch die Tatsache, dass 1000 Chinesen nicht in der Lage sind, Lager 4 einzurichten, ist sehr ernüchternd. Laut Infos eines Liaison Offices mussten gestern zwei Nepali Climbing Sherpas nach China gebracht werden, um Lager 4 einzurichten. Bei uns im BC sind inzwischen weitere 15 schwer bewaffnete nepalesische Soldaten eingetroffen, wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast glauben, wir sind hier im Krieg irgendwo in Afghanistan oder im Irak. Und das alles nur wegen des Olympischen Feuers?
Da es für uns nun sowieso nichts zu tun gibt, werden wir morgen nach Tengboche gehen und endlich mal wieder neue Bilder nach Hause schicken. Heute Abend gibt es wieder einmal Fondue bei meinen Schweizer Kollegen. So werde ich die verlorenen Kilos schnell wieder draufhaben. In Tengboche werde ich die Gelegenheit einer heißen Dusche, rasieren, E-Mail und den Genuss einer Bäckerei auf mich zukommen lassen. Nach einem Ruhetag in tiefen Lagen machen wir uns dann wieder auf den Weg ins BC. Da bin ich übrigens nicht der einzige, der das macht. Einige Expeditionen haben das BC bereits verlassen. Ich hoffe, bald wieder Neues senden zu können und bin in der Zwischenzeit - so China will - auf dem Weg Richtung Gipfel."