Der Gasherbrum II (8.035 Meter) ist der "kleinste" unter den vierzehn Achttausendern der Erde und liegt im Grenzgebiet zwischen Pakistan und China, dem Karakorum. Vom 14. Juli bis zum 28. August war ein Expeditionsteam um Kurt Burkhard (Römerberg), Berthold Honka (Mainz), Hans Hindel (Iggelheim), Alexander Mayer (Wangen) und Dr. Klaus Eikmeier (Isernhagen) unter Leitung von Thomas Lämmle (Waldburg) am G2 unterwegs.
Start in Islamabad
Ende Juli startet unsere Expedition in Islamabad bei tropisch heißen Temperaturen von über 40 Grad Celsius. Mit Bus und Jeep geht es von der pakistanischen Hauptstadt zunächst 800 Kilometer in den Nordosten des Landes, dort wo die Grenzen zwischen Pakistan, China und Indien aufeinander treffen. Die Anreise erfolgt über zwei Tage auf dem berühmten Karakorum-Highway.
Karakorum-Highway
In den 50er Jahren wurde der Bau des Karakorum-Highways international ausgeschrieben, doch ausnahmslos alle Industrienationen lehnten ihn als völlig undurchführbar ab. Gebaut wurde die Straße schließlich in zwölf Jahren Bauzeit durch ein Mammutheer von 25.000 chinesischen und 15.000 pakistanischen Arbeitern. Auch heute noch sind 1.500 pakistanische Soldaten täglich damit beschäftigt die oftmals von Erdrutschen, Steinschlag und Lawinenabgängen blockierte Straße befahrbar zu halten.
Askole: Ausgangspunkt erreicht
In Askole, am Fuße des riesigen Baltoro Gletschers, ist die Fahrt zu Ende. Diese Siedlung ist der Ausgangspunkt für alle Expeditionen zu den Achttausendern Gasherbrum I und II, Broad Peak und K2.
Basislager auf 5.100 Metern
Mit 113 Trägern und 2,5 Tonnen an Ausrüstung geht es auf den 120 Kilometer langen Marsch ins Basislager. Nach sechs Trekkingtagen erreichen wir den berühmten Concordiaplatz. Hier vereinigen sich drei Gletscherströme und der Blick auf den zweithöchsten Berg der Erde, den K2, wird frei. Über den Abruzzi Gletscher geht es in zwei weiteren Tagesmärschen zu unserem Basislager am Gasherbrum II. Das Lager befindet sich auf 5.100 Metern auf einer Mittelmoräne direkt am Fuße des großen Gasherbrum Eisbruchs.
Günstiger Expeditionstermin
Von den 18 angemeldeten Expeditionen mussten bereits elf unverrichteter Dinge abreisen. Starker Schneefall behinderte die Expeditionen im Juni und Juli. Der späte Expeditionstermin im August scheint trotz vieler Einwände günstig zu sein.
Aufstehen um Mitternacht
25 Tage stehen unserer Expedition für die Besteigung des Gipfels zur Verfügung. Um die vier Hochlager aufzubauen, muss immer wieder der gefährliche, acht Kilometer lange Gasherbrum Eisbruch durchquert werden. Eine Durchquerung ist in kalten Nächten am sichersten möglich, da hier die Spaltenbrücken tragfähig sind und die Gefahr von Eisschlag am geringsten ist. So stehen wir zu unseren Touren meist um Mitternacht auf und sind dann am frühen Morgen in den Hochlagern.
Immense Temperaturunterschiede
Während die Temperaturen nachts bis weit unter den Gefrierpunkt sinken, ist es tagsüber teilweise erbärmlich heiß. In den Zelten messen wir Temperaturen von minus 20 Grad Celsius bis plus 35 Grad Celsius. Anfang August sind wir die letzte und einzige Expedition am Berg. Eine italienische Expedition, die mit uns das Basislager teilt, hat ihre Gipfelambitionen auf Grund des unbeständigen Wetters aufgegeben.
Täglicher Schneefall
Wir kommen dennoch recht zügig mit dem Lageraufbau voran, obwohl das Gelände ungemein steil ist – nicht vergleichbar mit den Bergen im Himalaya. Es müssen etwa zwei Kilometer Fixseil verlegt werden, um den G2 sicher besteigen zu können. Der tägliche Schneefall wirkt zwar ermüdend auf Laune und Gemüt, dennoch ist die Schneemenge nicht so groß, dass Schneelawinen den Aufstieg gefährden könnten.
Weg frei für den Gipfelangriff
Am 07. August gelingt es mir zusammen mit einem pakistanischen Hochträger ein Zelt in Lager 3 auf knapp 7.000 Metern aufzustellen. Damit wird der Weg frei für den Gipfelaufstieg. Der Wetterbericht der Wetterdienststelle Innsbruck, der speziell für die Expedition erstellt wurde und via Satellit ins Basislager übermittelt wird, verheißt gutes, allerdings windiges Wetter für zwei Tage (14. und 15. August). Nach einigen Ruhetagen im Basislager starten wir (Thomas Lämmle, Alexander Meyer, Berthold Honka und Hans Hindel) in der Nacht vom 11. August den Gipfelgang.
Schwerer Aufstieg
Den Aufstieg durch den Eisbruch zum Lager 1 müssen wir im Schneetreiben hinter uns bringen. Auch am nächsten Tag steigen wir bei Schneefall über eine Steilflanke und einen ausgesetzten Grat (Banana-Ridge) zum Lager 2 auf (Routenverlauf siehe Abbildung). Wiederum im Schneetreiben erfolgt der steile Aufstieg ins Lager 3. Am Abend jedoch klart es auf. Der nächste Tag bringt uns ins Lager 4 auf 7.400 Meter. Mit schwerem Gepäck steigen wir über einen versicherten Felsrücken in unser höchstes Lager auf. Hochlagerzelt, Kocher, Verpflegung, 300 Meter Fixseile und persönliche Ausrüstung müssen auf 7.400 Meter getragen werden.
Letzte Etappe steht bevor
Nach dem Aufbau des Hochlagerzeltes beginnen wir sofort mit dem Wasserschmelzen um der gefährlichen Austrocknung vorzubeugen. Um sechs Uhr abends hat jeder Teilnehmer die erforderlichen drei Liter an Flüssigkeit zu sich genommen. Zu viert versuchen wir die Nacht in einem Zweimannzelt zu verbringen. An Schlaf ist wenig zu denken, da bereits um zwei Uhr die letzte Etappe zum Gipfel angegangen wird. Der Wetterbericht hält, was er verspricht: Bei sternenklarer, eiskalter Nacht treten wir um zwei Uhr in unserer Daunenbekleidung vor das Zelt.
Im "Reitsitz" auf dem Gipfel!
Der Aufstieg beginnt mit einer langen Querung unter der Gipfelpyramide. In steilem Gletschergelände, bei knietiefem Schnee, spure ich sechs Stunden bis zu einem Couloir, das uns auf die chinesische Seite des Berges führt. Beim Ausstieg aus dem Couloir werden wir voll vom Wind erwischt. Der nun folgende circa 45 Grad steile Gipfelhang erfordert nochmals eine gehörige Kraftanstrengung, da Neuschnee und Wind gegen uns arbeiten. Nach weiteren fünf Stunden Aufstieg ist der extrem ausgesetzte Gipfelgrat erreicht. Im Reitsitz – ein Bein in Pakistan und ein Bein in China – erreichen wir bei Sturm um 13:00 Uhr den Gipfel.
Direkter Rückzug
Um keine Erfrierungen zu erleiden, beginnen wir sofort wieder mit dem Abstieg. Erst am Abend um 18:00 Uhr wird das Hochlager 4 wieder erreicht, was uns nochmals eine Nacht in extremer Höhe beschert. Nachts schlägt das Wetter um, so dass der weitere Abstieg ins Basislager bei Schneefall durchgeführt werden muss. Nur mit Hilfe eines GPS–Gerätes (Satellitennavigation) finden wir den Weg durch den Gletscherbruch zurück ins Basislager. Hier ist die Freude groß, als wir am Abend des 17. August nach erfolgreicher Gipfelbesteigung wieder gesund und ohne Erfrierungen eintreffen.
Fotos und Text: Expeditionsleiter Thomas Lämmle (Sportwissenschaftler SP Bergsport)
Sponsoren
- THE NORTH FACE
- ORTOVOX
- OUTDOOR UNLIMITED
Bildergalerie
Weitere eindrucksvolle Bilder von der Expedition finden Sie in unserer Bildergalerie, die unter diesem Text verlinkt ist.
Quelle und Kontakt
Luis Stitzinger
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