Grönland Transversale 2006 - Höchster Punkt in Sicht
M2b Redaktion am 29.05.2006 - 10:15 Uhr
Am 23. Mai konnte das Expeditionsteam, bestehend aus Martin Hülle, Georg Sichelschmidt und Johannes Lang, den Polarkreis überqueren. Außerdem wurde am Ende des Tages die 2.000 Meter Höhenlinie überschritten. Seitdem erstreckt sich vor dem Trio nur noch unendlich erscheinendes Eis - doch von Tag zu Tag können neue Bestleistungen an zurückgelegter Strecke erzielt werden...
Expeditionstagebuch
Dienstag, 23. Mai - 66°36'31''N 39°53'42''W:
In der Nacht fällt die Temperatur auf unter minus 22 Grad, doch das Zelt wird früh von der Sonne angenehm erwärmt. Erneut absolvieren wir sieben Stunden reine Laufzeit und legen dabei 22 Kilometer zurück. Auf dem Weg nordwärts nach Ilulissat überqueren wir heute den Polarkreis - ein weiteres Zwischenziel. Außerdem überschreiten wir am Ende des Tages die 2.000 Meter Höhenlinie. Noch liegen etwa 700 Höhenmeter bis zum Scheitelpunkt des Inlandeises auf unserer Route vor uns.
Mittwoch, 24. Mai - 66°47'46''N 40°07'19''W:
Nach 23 Kilometern Laufstrecke sind heute die letzten Berge am östlichen Horizont verschwunden. Lange konnten wir noch schemenhaft den Mount Forel im Schweizerland erkennen, doch nun umgibt uns nur noch das endlos erscheinende Eis. Die nächsten Berge werden wir erst an der Westküste wieder zu Gesicht bekommen. Doch bis dahin sind es noch mehrere hundert Kilometer. Wir sind schon jetzt auf diesen Augenblick gespannt.
Donnerstag, 25. Mai - 66°58'13''N 40°28'15''W:
Auf knapp minus 30 Grad fällt in der Nacht die Temperatur. Noch morgens um 07:00 Uhr, als wir uns aus den Schlafsäcken schälen, sind es minus 20 Grad im Schatten. Da aber schon früh die Sonne auf unser Zelt scheint, wird es zumindest darin rasch angenehm warm. Als im Laufe des Tages der Wind aufhört, der uns bisher die meiste Zeit entgegen bläst, erwärmt sich die Luft auf nahezu Null Grad. In der prallen Sonne sind es gar über 20 Grad - ein Temperaturunterschied von über 50 Grad zwischen Nacht und Tag. Einige Zeit können wir daher wieder in den Unterhemden laufen, was sehr angenehm ist. Wir schaffen dabei fast 25 Kilometer und gewinnen nach wie vor stetig an Höhe. Wir hoffen, in vier Tagen am höchsten Punkt zu sein, wenn wir weiterhin so gut voran kommen wie in den letzten Tagen.
Freitag, 26. Mai - 67°05'35''N 40°43'57''W:
Während unserer Grönland Transversale stehen wir mit mehreren Radiosendern und Zeitungsredaktionen per Satellitentelefon in Kontakt. Schon heute morgen um 08:00 Uhr hat Martin noch im Schlafsack liegend erneut ein Interview mit Radio Wuppertal. Später am Tag in einer Laufpause führen Georg und Martin weitere Gespräche mit Radio SAEK in Chemnitz und WDR Eins Live. Bei gefühlten minus 15 Grad müssen anstelle des kuscheligen Schlafsackes nun die dicken Daunenjacken für Wärme sorgen. Frisch wird es auch wieder am Abend im Zelt während wir dieses Tagebuch auf der Homepage aktualisieren und Johannes seine Kolumne für den Gießener Anzeiger schreibt und per Mail verschickt.
Samstag, 27. Mai - 67°16'53''N 41°05'04''W:
Inzwischen haben wir die Zone erreicht, in der wir mit günstigem Wind für unsere Parawing-Segel rechnen. Damit hoffen wir, die tägliche Marschstrecke deutlich erhöhen zu können, nur muss der Wind dafür mit mindestens fünf Metern pro Sekunde aus einer nutzbaren Richtung wehen. Im Gegensatz zu den letzten Tagen weht der Wind heute zwar aus einer günstigen Richtung, aber er ist zu schwach, um uns voranzutreiben. Daher laufen wir wie gewohnt weiter und erreichen am Ende des Tages dennoch eine neue Bestleistung von 25,8 Kilometern.
Sonntag, 28. Mai - 67°28'32''N 41°28'23''W:
Der ohnehin schwache Wind legt sich im Laufe des Tages völlig, daher steht ein weiterer reiner Lauftag an. Bei Temperaturen von minus sechs Grad im Schatten schwitzen wir in der prallen Sonne, und nach und nach wandern Handschuhe, warme Mützen und die winddichten Jacken zum Trocknen auf die Pulka-Schlitten. Nach einer zum Vortag nochmals gesteigerten Tagesetappe von 27,3 Kilometern sind wir nun nicht mehr weit vom höchsten Punkt unserer Route entfernt. Wir hoffen, diesen morgen zu passieren und den zuletzt sanften Anstieg gegen einen ebenso sanften Abstieg zu tauschen.