Eine andere Welt erleben. Bei Wind und Wetter unterwegs sein. Naturerlebnisse von den Blumenwiesen bis hinauf in die grandiose Bergwelt. Mit Freunden unterwegs sein, die Freude am Wandern spüren, die Leistungsgrenze erleben und sich selbst überwinden. All das bietet nicht der bequemste, aber vielleicht der interessanteste Weg über die Alpen: von Oberstdorf nach Meran, den wir in Begleitung der Bergschule Oberallgäu erschließen.
Seit altem Herkommen
Schon vor fünftausend Jahren, wie uns der 'Ötzi' bewiesen hat, sind Menschen über die Berge, um Neuland zu finden und Handel zu betreiben. Trotz Asphaltstraßen, Schienen und Luftwegen reizt es viele Menschen, aus eigener Kraft auf den von der Natur vorgegebenen Pfaden zu wandern und ferne Ziele zu erreichen.
Sechstagestour
Sechs Tage mit einem Bergführer unterwegs, sechs Tage Abenteuer erleben - schon am ersten Tag drückt der Schuh, Ängste vor Blasen an den Füßen sind nicht unbegründet, der Rucksack ist schwer, das Hemd schnell nassgeschwitzt: Der Aufstieg durch das Sperrbachtobel nimmt kein Ende!
Verdienter Lohn
Geschafft, nach drei Stunden Aufstieg ist die Kemptner Hütte erreicht: 1850 Meter, zuerst einen Schluck für die ausgetrocknete Kehle, dann Kaffee und Apfelstrudel, und die Welt ist wieder in Ordnung.
Der zweite Tag
Am nächsten Morgen wartet eine halbe Stunde Aufstieg und wir stehen in Österreich. Faszinierend der Blick zu mindestens 200 Alpengipfeln. Am Horizont blitzt die Gletscherwelt der Wildspitze in der Sonne - mit fast viertausend Metern unser Wegweiser in den Süden.
Über Zams in das Inntal zur Braunschweiger Hütte
Erst noch zwei Stunden Abstieg, dann eine zünftige Jause im Lechtal. Mit ein wenig schlechtem Gewissen gebrauchen wir einen Kleinbus für die 15 Kilometer Fahrstraße nach Madau. Dann aber geht es voller Tatendrang hinauf auf 2600 Meter, über die Seescharte nach Zams ins Inntal. Der Weg durch die Zamserschlucht erscheint schier endlos: Die Tafel am Wegesrand, mit der Aufschrift 'Jeder Weg hat mal ein Ende', baut uns wieder auf. Endlich eine Dusche und die Strapazen des Tages sind vergessen. Ausgeruht und gestärkt für die nächste Etappe geht es über den Venetberg, dann durch das Pitztal und weiter zur Braunschweiger Hütte.
Hinauf in die Gletscherwelt
Nachmittags noch tausend Meter Aufstieg, die Rucksäcke werden in die Materialseilbahn verladen. Nach einer Stärkung in der Gletscherstube folgt die letzte Etappe hinauf in die Gletscherwelt. Vorbei am Gletschermaul des Mittelbergferners sehen wir die ungebändigte Kraft der herabstürzenden Wassermassen des Gletscherbaches. Noch ein paar Serpentinen und die Hütte, unser Tagesziel, steht vor uns: Franz, der urige Tiroler, sorgt für unser Wohl. Der Sonnenuntergang in der riesigen Gletscherwelt ist fast einmalig, in jedem Falle beeindruckend schön. Nach dem Schlummertrunk ist der ersehnte Hüttenschlaf himmlischer Lohn eines erfüllten Tages.
Pitztalerjöchl, Steinböcke und strahlend blauer Himmel
Katzenwäsche, Frühstück und dann hinauf auf dreitausend Meter zum Pitztalerjöchl. Nicht einmal die Steinböcke am Wegesrand interessieren sich für unser Vorhaben. Heute ist ein wolkenloser Tag mit faszinierender Aussicht. Unser Bergführer schlägt ein paar Stufen in das Eis und der Abstieg über den Rettenbachferner zum Ötztaler Sommerskigebiet verläuft problemlos. Schnell entfernen wir uns von den Menschenmassen und wandern auf dem Panoramaweg weiter nach Vent, das hinterste Dorf im Ötztal.
Ilses Gamsbraten
Dem Ziel schon näher gekommen, ist die italienische Grenze in Sicht. Mit spürbarer Müdigkeit in den Beinen erreichen wir die Martin Busch Hütte, doch Ilse, die Hüttenwirtin mit ihrem Gamsbraten aus eigener Jagd, baut uns wieder auf und stärkt uns für die letzte Etappe.
Kontemplation
Freitag ist der Tag mit dem alpinen Höhepunkt der Unternehmung. Noch fast bei Dunkelheit wandern wir hinauf auf Ötzis Spuren zur Similaunhütte und wollen dabei den Tagesanbruch und den Sonnenaufgang erleben. Nach einer kurzen Hüttenrast auf 3013 Metern Höhe kann uns nichts mehr daran hindern, in der Morgensonne den Similaun der Gletscherdom, mit 3600 Metern der höchste Punkt und das Highlight der Alpenüberquerung, zu besteigen. Mit Steigeisen an den Schuhen und am Seil des Bergführers erreichen wir voller Spannung lautlos den Gipfel. Ein erhabenes Gefühl. Die Seilschaft verbindet zu Freunden.
Andere Welt
Das südliche Klima von Meran, eine andere Welt, lässt alle Strapazen vergessen: Regentropfen, eisigen Wind, kalte Hände und Füße, Schweiß und den schweren Rucksack. Es ist geschafft, das Selbstbewusstsein steigt. Bei Speck und Rotwein unter den Lauben der Weinstube wird geschwärmt und angefangen, neue Pläne zu schmieden.
Geschichte der Bergschule Oberallgäu
Der Oberallgäuer-Bergführer-Verein wurde 1968 gegründet, Anderl Heckmair galt und gilt bis heute als der bekannteste deutsche Bergführer und Alpinist. Durch seine sensationelle
Durchsteigung der Eiger Nordwand 1938 wurde er weltberühmt.