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Verletzt in den Bergen und weit und breit keine Hilfe. Was tun?

jh am 20.03.2002 - 16:40 Uhr

Verletzt in den Bergen und weit und breit keine Hilfe. Was tun?

Die Technik und Ausrüstung beim Bergsteigen hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Trotzdem passieren nach wie vor jedes Jahr zahlreiche Bergunfälle: Die Bergwacht im gesamten Alpenraum zählte im vergangenen Sommer 4350 Einsätze. Darunter waren 250 lebensgefährlich verletzte Bergsteiger, sowie 22 Todesfälle. Aus diesem Grund ist es für jeden "Bergler", vom Bergwanderer bis zum Extrembergsteiger, von grösster Bedeutung, sich mit dem kleinen Einmaleins der Ersten Hilfe auseinander zu setzen.
Aus verschiedenen Gründen kann auch der beste Bergsteiger in eine brenzlige Situation kommen, wo das Überleben von ganz einfachen Handgriffen abhängen kann.

Wetter- und Orientierungsprobleme
Die Alarmierungszeiten haben sich zwar durch das Mitführen von Handies erheblich verkürzt, doch führen Wetter- und Orientierungsprobleme oftmals zu erhebliche Wartezeiten auf die organisierte Bergrettung. Während in einer Grossstadt ein Notarzt in wenigen Minuten am Unfallort ist, kann im Hochgebirge das Eintreffen der Bergwacht oder des Rettungshubschraubers oft Stunden dauern. Aus diesem Grund sollte jeder, der im Gebirge eigenverantwortlich unterwegs ist, alle lebenswichtigen Sofortmassnahmen einleiten können. Werden einige wenige elementare Regeln beachtet, so ist jeder in der Lage, Leben zu retten.

Notfallmeldung
Kennen Sie die Notrufnummern der Alpenländer? Handy sei Dank, braucht man sich darüber kein Kopfzerbrechen mehr zu machen. Denn die meisten Mobilfunkbetreiber loggen sich unter der (auch ohne SIM Karte funktionierenden) Notfallnummer 112 automatisch in die entsprechende Leitstelle des jeweiligen Landes ein.

Vervollständigen der Notfallmeldung
Um eine Rettung taktisch sinnvoll und zielgerecht planen zu können, benötigen die Leitstellen einen exakt detaillierten Unfallbericht. Dieser sollte aus folgenden Angaben bestehen:

1. Was ist passiert?
2. Wo ist es passiert?
3. Wer meldet?
4. Wann ist es passiert?
5. Warten auf Rückfragen
6. Das Wetter kommt als wichtiger Faktor noch hinzu.

Bei einem evtl. Hubschraubereinsatz ist es von grosser Bedeutung, welche Sichtweiten, Windrichtungen und -stärken am Einsatzort vorherrschen.

Alpines Notsignal
Das im ganzen Alpenraum gültige Alpine Notsignal dient zur elementaren Verständigung der Verunfallten mit den Rettern: Bergsteiger, die Hilfe benötigen, geben innerhalb einer Minute sechsmal in regelmässigen Abständen ein sichtbares oder akustisches Zeichen. Nach einer Pause von einer Minute wird der Vorgang wiederholt usw. Die „Retter“ antworten, indem sie innerhalb einer Minute dreimal in regelmässigen Abständen ein entsprechendes sichtbares oder akustisches Zeichen zurückgeben. Zusätzlich sollte man sich zur Verständigung mit der Luftrettung die internationale Zeichengebung Y (erhobene Arme) für YES, ich brauche Hilfe und N (ein Arm erhoben, einer gesenkt) für NO, ich brauche keine Hilfe merken. Zur Erinnerung: Das Alpine Notsignal ist in Wander- und Kletterführern, auf dem Alpenvereinsausweis oder auf verschiedenen Ausrüstungsgegenständen wie z.B.
in der Deckeltasche von Deuter Rucksäcken beschrieben.

Sofortmassnahmen
Verletzungen kann es im Bergsport immer geben – nicht nur beim Klettern im steilen Fels, auch beim klassischen Wandern sind Hautabschürfungen oder Blasen keine Seltenheit. Kleinere Schürfwunden sollten keimfrei abgedeckt werden. Grössere Platzwunden oder sogar spritzende Blutungen müssen schnellstmöglich mit einem keimfreien Druckverband versorgt werden. Idealerweise muss die verletzte Extremität hoch gelagert oder nach oben gehalten werden. Dabei sollte der Ersthelfer die zuführende Arterie abdrücken, damit in der Zeit von der Läsion bis hin zum fertigen Druckverband der Blutverlust minimal bleibt. Diese gezielten Massnahmen dienen dazu, einen eventuell eintretenden Volumenmangelschock zu verhindern. Bereits bei einem Blutverlust von ca. einem Liter besteht höchste Lebensgefahr. Falsche Behandlung oder untätiges Warten auf die Bergrettung können schnell zum Tod des Verunglückten führen. Prinzipiell unterscheiden sich die Erste Hilfe Massnahmen im Gebirge nicht von denen im Strassenverkehr. In der praktischen Umsetzung gibt es aber entscheidende Unterschiede: So wird z.B. das Abbinden von Extremitäten mittels Gürtel o.ä. für die Erste Hilfe im Strassenverkehr nicht mehr geschult. In Hinblick auf die möglicherweise längeren Bergezeiten trifft diese Vorgabe bei Bergunfällen mit starkem Blutverlust aber nicht zu. Die genaue Abbindzeit und weitere durchgeführte Erste Hilfe Massnahmen müssen dem behandelnden Notarzt auf jeden Fall mitgeteilt werden (ev. Notiz beim Verletzten).
Achtung!! Eine einmal angelegte Abbindung darf nur von einem Arzt wieder entfernt werden.

Kälteschäden
Kälteschäden treten nicht nur im Winter auf. Jeden Sommer gibt es im Hochgebirge Wetterstürze mit einem extremen Abfall der Lufttemperatur. Erfrierungen und Unterkühlungen können die bittere Folge für schlecht vorbereitete und ausgerüstete Wanderer und Bergsteiger sein. Das Zauberwort heisst hier Prävention. Grosse Wetterumschwünge werden heute vom Wetterbericht meist zuverlässig vorausgesagt. Auch im Hochsommer gehört ein entsprechender Wetterschutz, bestehend aus wasserdichter Regenbekleidung, Handschuhen, Mütze, Wechselwäsche, einem Biwaksack oder zumindest einer Rettungsdecke in jeden Rucksack. Besonders bei einem Bergunfall wird man um jedes wärmende und schützende Kleidungsstück froh sein, da Verunglückte rasch auskühlen können.

Örtliche Erfrierungen
Erfrierungen entstehen, wenn die entsprechenden Extremitäten nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Dies ist in der Regel nicht schmerzhaft und deshalb besonders tückisch. Bemerkbar machen sich Erfrierungen durch Gefühllosigkeit und die weisse Hautfarbe der Extremitäten. Die Schwere von Erfrierungen (ob 1., 2. oder 3. Grad) lässt sich in diesem Stadium von Laien nicht abschätzen. Bei beginnenden Erfrierungen der Extremitäten wird durch Zuführen von Wärme, z.B. durch eigene oder fremde Körperwärme in der Achselhöhle, die beste Hilfe geleistet. Je schlimmer die Erfrierung, desto schneller sollte man einen Arzt oder zumindest eine schützende Berghütte aufsuchen. Für eine fachgerechte Erste Hilfe sind heisse Getränke, eine warme Raumtemperatur und vor allem Wasser notwendig: Die erfrorenen Extremitäten werden in eine Schüssel mit ca. 10° kaltem Wasser getaucht. Ca. alle 30 Minuten (oder entsprechend des subjektiven Empfinden des Patienten) wird heisses Wasser zugeführt, bis eine Wassertemperatur von 40° erreicht ist. Danach wird die erfrorene Stelle abgetrocknet und keimfrei abgedeckt. Wenn keine allgemeine Unterkühlung vorliegt, kann die betroffene Extremität laufend aktiv bewegt werden. Bei geringfügiger Erfrierung darf der Patient selbständig gehen, wenn grössere Partien betroffen sind, muss er abtransportiert werden.

Grundsätzliches Prinzip:
Zentrale Aufwärmung des Körperkerns durch Verabreichung von heissen, gezuckerten Getränken; im Freien ohne Alkohol. Kein einreiben mit Schnee, nicht massieren. Sterile (keimfrei) trockene und lockere Verbände, keine Salben, druckfrei lagern.

Allgemeine Unterkühlung
muss in der Ersten Hilfe immer primär versorgt werden. Sie entsteht, wenn Kälte auf die gesamte Oberfläche des Körpers einwirken kann und die Körperkerntemperatur unter 37° absinkt.

Mögliche Ursachen sind:
- Auskühlung durch Elektrolyt- und Wasserverlust bei grosser Anstrengung
- Wettersturz
- Notbiwak
- Verletzungen
- Spaltensturz
- Lawinenunfall

Bei Gefahr einer Unterkühlung reagiert der Körper mit einer Drosselung der Blutzufuhr der Extremitäten. Dadurch wird die Funktion der lebenswichtigen Organe (Herz, Lunge Gehirn) im Kern möglichst lange aufrecht erhalten. Dieser Mechanismus wird zusätzlich durch eine Erregungssteigerung unterstützt, die sich durch Kältezittern, schnellen Herzschlag und schnellere, vertiefte Atmung bemerkbar macht.
Entscheidend für die Erste Hilfe Massnahmen ist eine Schwellentemperatur von 30° Kerntemperatur: Über 30° ist der Unterkühlte noch bei Bewusstsein, unter 30° nicht mehr.

Erste Hilfe bei vorhandenem Bewusstsein
besteht hier schon aus einer feucht - heissen Packung. Messungen haben ergeben, dass das Anlegen einer feucht - heissen Wärmepackung und das zusätzliche Einrollen in eine Alu-Rettungsdecke die momentane Körperkerntemperatur erhält. Allerdings nur bei völliger Ruhestellung.

Grundsätzliches Prinzip:
Weder aktiv noch passiv bewegen, vorsichtig umlagern, in Alufolie einwickeln.
Nasse Kleider mit trockenen wechseln, wenn ohne viel Bewegung möglich.
Keinesfalls gehen lassen. Heiss gezuckerte Getränke (auf keinen Fall Alkohol) zuführen..
Extremitäten nicht massieren und nicht bandagieren.

Erste Hilfe ohne Bewusstsein:
Hier muss unbedingt die feucht heisse Wärmepackung (sogenannte HIBLER - Wärmepackung) angelegt werden.

Grundsätzliches Prinzip:
Weder aktiv noch passiv bewegen, vorsichtigst umlagern, nicht massieren, nasse Kleider auf keinen Fall wechseln, keine Getränke zuführen, bei Herzstillstand muss mit der Herzdruckmassage begonnen werden, bei gleichzeitiger Atemspende s.u.

ABC Regel
Mit dieser einfachen Regel können Sie nicht nur den Verletzten professionelle Hilfe zukommen lassen, sondern haben besonders in Extremsituationen ein einfaches, immer funktionierendes Handlungsschema zur Verfügung.
Gehen sie die Buchstaben der Reihe nach durch und handeln sie dementsprechend:

A: Atmung kontrollieren, indem Sie den Kopf des Verletzten überstrecken und hören, sehen und fühlen, ob eine Eigenatmung vorhanden ist
B: Bewusstsein wird überprüft, indem Sie den Verletzten ansprechen und am Oberschenkel oder Kinn kneifen
C: Circulation Kontrollieren Sie, ob ein Herzschlag vorhanden ist oder nicht. Fühlen sie den Puls an der Halsschlagader (a. carotis) oder an der Handschlagader (a. radialis).

Herzdruckmassage (CPR)
Die Cardio Pullmonale Reanimation sollte nach folgenden Kriterien ausgeführt werden:
Begonnen wird immer mit zwei Beatmungen.
Ein Helfer Methode:
2 x beatmen, 15 x Herzdruckmassage,
nach je 4 Zyklen Kontrolle der Vitalfunktionen (Atmung, Bewusstsein, Puls)

Zwei Helfer Methode:
1 x beatmen, 5 x Herzdruckmassage,
nach je 4 Zyklen Kontrolle der Vitalfunktionen

Ist es sinnvoll, einen Verletzten behelfsmässig zu transportieren?
Einen Verletzten sollte man nie alleine lassen. Falls keine weiteren Helfer zur Stelle sind, muss man sich durch Notsignale verständigen. Falls eine Hubschrauberbergung (z.B. wegen schlechten Wetters, Nebels, Sturms) oder eine rasche organisierte Rettung (z.B. durch Geländefahrzeug) nicht möglich ist, muss umgehend mit dem behelfsmässigen Abtransport begonnen werden. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass jeder behelfsmässige Abtransport für den Verletzten mit zusätzlichen Unannehmlichkeiten und Schmerzen verbunden sein kann und keine Alternative für eine Hubschrauberbergung ist!

Resümee:
Fundierte Erste Hilfe Kenntnisse sind nicht nur im Alltag von Bedeutung, sondern im Gebirge unabdingbar. Empfehlenswert ist daher der Besuch eines speziell dafür vorgesehenen, bergbezogenen Erste Hilfe Kurses.

Hinweis: Der Autor Alex Römer veranstaltet regelmässig bergbezogene Erste Hilfe Kurse. Infos unter VIVALPIN Hauptstr.36-38 82467 Garmisch-Partenkirchen Tel: 08821 9430323 E-mail:


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