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Schneebrett

Schneebrett

Alexander Römer

Aiguille du Goûter

Tiefer Schnee in der Piz Palü Nordwand

Toni im Pulverschnee
Lawinen-Spezial Teil VII : Die häufigsten Fehler
M2b Redaktion am 02.02.2007 - 23:26 Uhr
Warum Wahrnehmungsfehler passieren und welche Rolle Einstellung und Persönlichkeit am Berg spielen, darum geht es in diesem Teil. Zudem werden Faktoren vorgestellt, die häufig zu Lawinenunfällen führen - es geht um weit verbreitete, aber falsche und gefährliche Meinungen.
Hauptursachen
In der Regel stehen hinter Lawinenunfällen nicht nur falsche Beurteilungen der Schneedeckenstabilität, sondern ebenso gruppendynamische Prozesse: "Das Erkennen, Entscheiden und Verhalten wird besonders von psychischen sowie sozialen Faktoren beeinflusst" (Durner und Römer: 38).
Fehler passieren
Dass Fehler passieren, lässt sich nicht ausschließen - sie unterlaufen selbst den erfahrensten Alpinisten. Erfahrung allein schützt zudem nicht automatisch vor Unfällen; vielmehr gilt es, Erfahrenes bewusst einzusetzen und kritisch zu hinterfragen. Folgende Kompetenzen sind gefragt und typischer Fehler zu vermeiden (nach Durner und Römer: 38ff).
Fachliche Kompetenz
- Tourenauswahl und Tourenplanung
- Verhalten während einer Tour
- Alpine Erfahrung
- Fachwissen (Lawinen, Erste Hilfe usw.)
Soziale Kompetenz
- Eigenverantwortliches Denken
- Kritische Selbsteinschätzung
- Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gruppe und der Natur
Typische Fehler
- Erfahrungsfalle
- Verhaltensfalle
- Wahrnehmungsfehler
- Einstellung/Persönlichkeit
Erfahrungsfallen
- Achtsamkeit beim Aufsteigen und Achtlosigkeit im Rahmen der Abfahrt: Wird ein kritischer Hang mit angemessenen Entlastungsabständen beim Aufstieg vorsichtig begangen, schwindet diese Vorsicht oft bei den Abfahrten, obwohl die auftretenden Belastungen für den Hang dabei wesentlich größer sind - ausgehend von der Annahme, dass der Hang bis dahin ja gehalten hat.
- Frühere Erfahrungen werden auf die momentane Situation übertragen: wie die "Erfahrung", dass an einem bestimmten Hang seit Menschen Gedenken noch nie eine Lawine abgegangen ist - jeder Winter verläuft anders und eine Lawine kann an einem Berg auch nach Jahrhunderten erstmals abgehen.
- Es wird schon die richtige Entscheidung gefällt: Dem Ältesten oder Erfahrensten fällt dieser Entscheidungsschritt zu - er kann sich nicht irren, ihm wird "blind" gefolgt.
Verhaltensfallen
- Verhalten entgegen einem "unguten Gefühl": Trotz unsicherer Einschätzung der Verhältnisse wird die Tour fortgesetzt - es wird schon klappen. Empfehlenswert ist hingegen: Lieber einmal mehr auf die "innere Stimme" hören und umkehren.
- Mit einer professionellen Ausrüstung wird schon nichts passieren: Keine Ausrüstung ist in der Lage, Risiken dahingehend zu reduzieren, bestehende Lebensgefahren zu entschärfen.
Wahrnehmungsfehler
- Gute Verhältnisse täuschen mitunter über bestehende Gefahren hinweg: Gefahren werden bei guten Bedingungen weniger deutlich wahrgenommen als bei schlechten Bedingungen.
- Fehlinterpretation von Warnzeichen: Deutliche Hinweise auf eine Lawinengefahr werden so interpretiert, dass das Tourenziel nicht gefährdet ist - "Wumm-Geräusche" sind niemals gute "Setzungsgeräusche"!
Einstellung und Persönlichkeit
Eine Tour abzubrechen oder auf eine Abfahrt zu verzichten erfordert Stärke und Durchsetzungskraft - beides wirkt sich lebensverlängernd aus.
Faktoren, die oft zu Lawinenunfällen führen
- Fehlende oder mangelhafte Tourenplanung.
- Zu große Gruppe.
- Falsche Touren- oder Routenwahl.
- Schlechte Wetter- oder Sichtverhältnisse.
- Falsche Zeitplanung.
- Zu wenig Erfahrung.
Weit verbreitete, falsche und gefährliche Meinungen
- Lawinen gehen nur während oder kurz nach Neuschneefällen ab.
- Bei niedrigen Außentemperaturen lösen sich keine Lawinen.
- Häufig befahrene Hänge sind lawinensicher.
- Kurze Geländestufen sind nicht gefährlich.
- Im Bergwald besteht keine Lawinengefahr.
- Bei geringen Schneehöhen gibt es keine Lawinen.
- "Wumm-Geräusche" deuten auf eine Setzung der Schneeedecke hin.
Nachteile großer Gruppen und gruppendynamischer Prozesse
- Deutlich erhöhter Zeitaufwand bei Aufstieg und Abfahrten.
- Erhöhte Risikobereitschaft einzelner Teilnehmer, die sich in einer Gruppe "sicher" und "aufgehoben" fühlen. Zudem möchte niemand als Feigling gelten.
- Wesentlich höhere Hang- und Geländebelastung.
- Unpopuläre Entscheidungen werden in Frage gestellt.
- Gruppe ist schwerer zu führen und im Auge zu behalten.
- Geringerer Erlebnis- und Spaßfaktor.
Munters "fatale Irrtümer"
Der Schweizer Werner Munter führt in seinem Standardwerk "3x3 Lawinen" 13 "fatale Irrtümer" auf (18ff), die zwar oft etwas Wahrheit beinhalten, sich als "Halbwahrheiten" seiner Meinung nach aber fataler auswirken können als Nichtwissen!
Lawinen lösen sich irgendwo hoch oben von selbst und verschütten uns, weil wir uns unglücklicherweise in diesem Moment in der Schusslinie aufhalten (einem Steinschlag vergleichbar): Die Trefferquote solcher Naturereignisse ist überaus gering - Skifahrer lösen "ihr" Schneebrett in aller Regel selbst aus, es besteht ein kausaler Zusammenhag.
Bei großer Kälte gibt es keine Lawinen: Irrtum - trockene Schneebretter können bei tiefsten Temperaturen ausgelöst werden. Zudem konserviert Kälte bestehende Gefahren, weil vorhandene Spannungen in der Schneedecke nicht abgebaut werden können.
Bei dünner Schneedecke ist es nicht gefährlich: Diesem Irrtum liegt vermutlich die Verwechslung von Neuschnee und Altschnee zugrunde. Neuschnee wirkt immer gefahrenverschärfend. Dünne Schneedecken werden bei Strahlungswetter (schön und kalt) schnell in Schwimmschnee umgewandelt, der ein schwaches Fundament für aufliegende und nachfolgende Schneefälle darstellt.
Wald schützt vor Lawinen; unterhalb der Waldgrenze ist es nicht gefährlich: Bann- oder Schutzwälder schützen Siedlungen vor Großlawinen, jedoch nicht Skifahrer vor Schneebrettern. Diese Schutzwirkung funktioniert allein in dichten Fichtenwäldern, die zum Skifahren nicht geeignet sind.
Ski- und Tierspuren garantieren Lawinensicherheit: Es ist nicht bekannt, unter welchen Bedingungen eine Spur gelegt worden ist und auch nicht gesagt, dass eine Lawine bei der ersten Belastung abgehen muss.
Unebenheiten am Boden verankern die Schneedecke: Das kann nur ansatzweise für Bodenlawinen beim Einschneien im Frühwinter gelten - die typische Schneefahrerlawine aber ist eine Oberlawine, die auf einer darunter liegenden, älteren Schicht abgleitet.
In einem kleinen Hang kann nichts passieren: Auch kleine Schneebretter sind mitunter tödlich - Volumen und Gewicht von Schneemassen werden in der Regel massiv unterschätzt.
Nach zwei bis drei Tagen hat sich der Neuschnee gesetzt und die Schneedecke ist tragfähig: In dieser kurzen Zeit entsteht höchstens eine Bindung zwischen Schneekristallen, was vielmehr erst die Voraussetzung für den Abgang von Schneebrettern schafft - eine Verbindung unterschiedlicher Schneeschichten, die das vorhandene Gefüge stabilisiert, nimmt in der Regel mehr Zeit in Anspruch.
Schneebretter sind hart und tönen beim Begehen hohl: Die meisten Schneebretter sind weich und nicht in einem Maße hart, dass sie bei Belastung hohl klingen.
Wumm-Geräusche sind günstige Setzungsgeräusche: Diese Geräusche sind die zuverlässigsten Anzeichen für eine instabile Schneedecke. Es handelt sich also vielmehr um Alarmzeichen, die man nicht weiter ausdeuten, sondern zum Anlass für einen umgehenden, geordneten Rückzug akzeptieren sollte.
Wo noch nie eine Lawine beobachtet worden ist, ist es lawinensicher: Es gibt keine absolut lawinensicheren Hänge - welch krudes Verständnis von Natur!
Lawinen sind nur bei Schlechtwetter zu erwarten - es ist schön, also sicher: Der erste schöne Tag im Anschluss an eine Niederschlagsperiode ist im Hinblick auf Lawinen besonders gefahrenträchtig!
Das Einrammen des Skistocks gibt Aufschluss über die Tragfähigkeit der Schneedecke: Es ergibt sich daraus ein vereinfachtes Rammprofil, das Aussagen bezüglich der Härte der Schneeschichten ermöglicht - die mit der für bestehende Lawinengefahren entscheidenden Verbindung zwischen Schneeschichten nichts zu tun hat!
Bildergalerie
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Bildergalerie "Lawinen - abseits der Pisten".
Quellen und Literatur
- www.vdbs.de
- Günter Durner und Alexander Römer, Lawinen Know-How, 1. Aufl. 2003, ISBN 3-9807101-5-7
- Günter Durner und Alexander Römer, Erste Hife Bergrettung, 1. Auflage 2002, ISBN 3-9807101-2-2
- Werner Munter, 3x3 Lawinen - Entscheiden in kritischen Situationen, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-00-002060-8
- Martin Engler, Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen..., 1. Aufl. 2001, ISBN 3-9807591-1-3
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