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Klettersteige in den Alpen – ein heißes Eisen!
MountainWilderness am 14.05.2004 - 11:06 Uhr
Klettersteige sind mit Drahtseilen, Leitern, Trittbügeln und Brücken durchgehend gesicherte Bergwege in Felswänden, welche ohne große alpinistische Vorkenntnisse, aber mit entsprechender Ausrüstung begangen werden können. Sie ermöglichen, dass sogar alpinistisch wenig versierte Personen steile Felswände überwinden können - schwindelerregend über dem Abgrund, mit genug Luft unter den Sohlen und Adrenalin im Blut.
Konfliktpotenzial
Die Klettersteiggeher dringen damit in eine Zone ein, die sonst entweder nur den Wildtieren gehörte oder in der sich nur eine vergleichsweise kleine Anzahl Kletterer hochkämpfte. So sind Konflikte vorprogrammiert: Zwischen Fauna, Flora und den 'richtigen' Kletterern, die sich beim Klettern gestört fühlen beziehungsweise auch wirklich gestört sind – zumindest dann, wenn ein Klettersteig eine alte Kletterroute kreuzt oder, noch schlimmer, an ihr entlangführt.
Alpenweit 800 Eisenwege
In den West- wie auch Ostalpen herrscht ein massiver Trend zur Neuanlage und erhöhten Nutzung von Klettersteigen. Zum Beispiel hat sich von 1999 bis 2002 ihre Anzahl in der Schweiz von einem auf zwei Dutzend verdoppelt, und auch in Deutschland gehen die direkten Baumaßnahmen am Fels weiter. Im gesamten Alpenraum gibt es mittlerweile an die 800 Klettersteige oder 'Vie Ferrate' (Eisenwege).
Spiegelbild der Gesellschaft
Eine heutige Via Ferrata, die neu erschlossen wird, kann gar nicht steil, extrem und spektakulär genug sein. Als Kulisse dienen mehr und mehr senkrechte bis überhängende Wände, die bisher den Freikletterern überlassen worden waren. Doch durch das heutige Gesellschaftsbild, dass alles höher, schneller, weiter und immer extremer werden soll, spiegeln diese Vie Ferrate auch die heutige Gesellschaft wider. Die immer extremer angelegten Steiganlagen erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit.
Vielzahl neuer Kletterführer
Ersichtlich wird dieser Trend auch an der Vielzahl neu erschienener Klettersteigführer: Das Via Ferrata-Gehen gilt als erlebnisreichere und sportlichere Form, die Berge zu genießen.
Ökonomische Bedeutung
Zu allem kommt der Fakt, dass Klettersteige durchaus wirtschaftliche Bedeutung haben, denn sie ziehen Touristen zu Fremdenverkehrsorten hin und füllen das Alpensommerloch. Das Bild eines Klettersteigbegehers unterm Überhang macht sich gut auf dem Hochglanzprospekt, und der stolze 'Alpinist' kann daheim in Bottrop mit geschwellter Brust davon erzählen und seine abenteuerlichen Fotos zeigen.
Situation in Deutschland
In Deutschland mit seinem kleinen Alpenanteil ist die Zahl der Klettersteige an zwei Händen abzuzählen. Am extremsten waren bisher der Höllental- und der Jubiläumsgratklettersteig, beide im Zugspitzgebiet, mit acht bis zehn Stunden Dauer und der Einstufung 'schwierig/C' nach den üblichen Bewertungssystemen.
Seit Oktober 2003 hat sich ein 'sehr schwieriger' Klettersteig der Kategorie D dazugesellt: der Klettersteig am Hochstaufen (1771 Meter hoch), dem östlichen Eckpfeiler der Chiemgauer Alpen und quasi Hausberg der Bad Reichenhaller.
Hochstaufen: Bergbau, Schloss und Alpenvereinshütte
Der Hochstaufen ist in vielerlei Hinsicht ein interessanter Berg. Zum einen deswegen, weil am Staufen im 17. Jahrhundert in sechs Abbaustollen Bergbau betrieben wurde. Ab 1682 war der Bergbau in voller Blüte. Einer der Stollen befand sich nur 60 Meter unter dem Gipfel. Die gewonnenen Erze wurden für militärische Zwecke (Kanonenkugeln), aber auch für andere Dinge gebraucht. Die Vorräte an Blei und Galmei (Zinkerz) waren allerdings bald erschöpft. Reste der alten Bergbautätigkeit sind heute noch zu sehen.
Interessant deswegen, weil am Fuße des Hochstaufens ein Schloss steht, Schloss Hochstaufen (von 1200), das den Salzburger Bischöfen lange Zeit als Gerichts- und Hinrichtungsstätte diente; oben am Gipfel aber eine Alpenvereinshütte, das Reichenhaller Haus, mit herrlichem Rundblick.
Durch die Nordwand
Und interessant nicht zuletzt deswegen, weil ein berühmter Alpinist, Willo Welzenbach (1900-1934) zusammen mit F. Liebler 1921 als Erster die steile Nordwand des Hochstaufens durchkletterte und dort quasi seine überragende alpinistische Karriere startete.
Begehrtes Bergziel
Diese Nordwandroute wurde insgesamt nicht häufig begangen. Gämsen fanden im Schrofengelände am Wandfuß ihr Rückzugsgebiet, Dohlen und Kolkraben kreisten über der Wettersteinkalkwand. Einige andere interessante Bergsteige mit wechselnder Schwierigkeit machten den Hochstaufen aber dennoch zu einem begehrten Bergziel, zumal auch Überschreitungen leicht möglich sind.
Klettersteig am Hochstaufen
Die Idee zum Bau dieses Klettersteigs hatte ein Einheimischer: Sepp Reichenberger. Passenderweise ist sein Bruder, Valentin Reichenberger, der Bürgermeister des Talortes Piding. Dieser unterstützte den Vorschlag tatkräftig – sah er doch die Werbewirksamkeit eines solchen Klettersteigs für seine Gemeinde. Durch Gemeinderatsbeschluss wurde der Bau eines Klettersteiges befürwortet. Im Oktober 2002 wurde der Grundstein gelegt, Ende August 2003 der Klettersteig feierlich eröffnet. Sepp Reichenberger und seine Bergfreunde leisteten 1500 ehrenamtliche Arbeitsstunden. 1100 Meter Stahlseil wurden durch die 400 Meter hohe Wand angebracht und an besonders exponierten Stellen auch Trittbügel und Griffe. Die Materialkosten von 13.000 Euro trug die Gemeinde Piding, und sie kümmert sich auch weiterhin um den Unterhalt. Bürgermeister Reichenberger sagt, alle notwendigen Vorgaben für den Bau seien eingehalten worden. Und setzt hinzu, dass man die Presse nicht groß vorher informiert habe.
Entlang der Welzenbachroute
Die Via Ferrata verläuft im unteren Bereich entlang der Welzenbachroute, deren freie Begehung somit nicht mehr möglich ist; weiter oben abseits davon in festerem Fels, senkrecht hinauf ...
Dort liegen auch die Hauptschwierigkeiten. Athletik ist gefordert, Schwindelfreiheit sowieso, auch stabiles Wetter. Sein Können soll jeder Klettersteigaspirant nicht überschätzen!
Erfolgreiches Projekt?
2000 Begeher, so Bürgermeister Reichenberger, habe der Steig in so kurzer Zeit schon aufzuweisen. Die Kommentare, die man über den Klettersteig hört, klingen begeistert. Er sei der "reinste Wahnsinn", man "gratuliere den Erbauern", und "mehr davon in Deutschland" ...
Skepsis
Der alpine
Umweltschutzverein Mountain Wilderness Deutschland e.V. steht dem Bau dieses Steiges kritisch gegenüber. Wildnis- und Rückzugsgebiete sollten heutzutage nicht mehr zerstört werden! Der Bau erfolgte entgegen dem Grundsatzprogramm des Deutschen Alpenvereins von 1994, das den Bau neuer Hütten, Wege und Klettersteige ablehnt. Der Verein wird der Frage nachgehen, welche Vorschriften zum Bau eines solchen Steiges notwendig sind und ob sie eingehalten wurden, ferner, ob auch ökologische Belange berücksichtigt wurden, und ob die nächstgelegenen Alpenvereinssektionen vorher über den Bau Bescheid wussten.
Inspektion vor Ort
Beim diesjährigen
'BayernTour Natur-Tag' werden Aktive von Mountain Wilderness mit anderen Interessierten sich vor Ort ein Bild der Situation machen und die Ökologie des Gebiets sowie die Weitererschließung der Alpen anhand dieses neuen Beispiels diskutieren.
Dr. Gotlind Blechschmidt
für
Mountain Wilderness Deutschland e.V.
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