Walter Hölzler im Interview - Fortsetzung Teil I
M2b Redaktion am 07.06.2004 - 11:55 Uhr
Mountains2b: Bis zum Sonnenpfeiler kannten Sie die Route vom gescheiterten Versuch 2001 - sind Sie im weiteren Verlauf der Route auf besonders problematische Stellen oder unerwartete Herausforderungen gestoßen?
Walter Hölzler: Leider ja, solche Passagen gibt es immer. Die erste - im Bereich der Großen Platte - war ein gleichmäßiger Riss, der einfach nicht enger werden wollte, bis mir die Klemmkeile in passender Größe ausgegangen sind. Die Hände von der vielen Risskletterei schon ziemlich wund, habe ich plötzlich gemerkt, dass ich mehrere Meter über einem nicht gut sitzenden Klemmkeil stand und verzweifelt nach einem weiteren Sicherungsgerät an meinem Klettergurt suchte - es war nichts mehr zu finden! So gab es nur noch die Flucht nach oben. Immer mehr verkrampften die eh schon geschundenen Finger. Mit den Reibungskletterschuhen scharrte ich verzweifelt und unkoordiniert an der Wand, um vielleicht zufällig Halt auf einer winzigen Leiste zu finden. Die Situation wurde ausweglos, bis ich mich damit abfand, dass ein Sturz unvermeidbar sein würde: Mit einer Pulsfrequenz von wahrscheinlich 200 verließ mein Körper jegliche Kontaktfläche zum Fels. Der Schreck steigerte sich noch, als mir der zweifelhafte Klemmkeil wie ein Geschoss entgegen kam. Erst als ich an einem Überhang vorbei flog, wusste ich, dass es gut gehen müsste. Ein solider Bohrhaken bremste schlagartig aber sicher meine Sturzfahrt ab.
Zum Glück war der Bereich ziemlich steil, sodass ich nach etwa zehn Metern ins Seil gefallen bin und nicht auf hartes Gestein - der seitliche Aufschlag auf den Fels war schlimm genug: Eine Fingerkuppe hat es arg erwischt, der Schmerz war unverzüglich da, reichlich Blut dazu. Wir haben die Verletzung aber mit Tape und Mercucrom in den Griff bekommen. Beim nächsten Anlauf teilte ich mir die Klemmkeile dann besser ein. Trotzdem nahm mich das psychisch ganz schön mit. Denn eine Verletzung dort oben hätte fatale Folgen gehabt.
Auf die zweite problematische Stelle stießen wir etwa in Höhe der Sonnenplatte, also im oberen Teil, wo es schon flacher wurde und nicht mehr als 50 oder 60 Höhenmeter bis in das leichtere Gelände hin zum Gipfelgrat fehlten: Der Bereich war so glatt und ohne Risse, dass ich verzweifelt nach einer frei kletterbaren Linie suchte. In einer seichten Verschneidung, als ich wieder eine feine Rissspur verfolgen konnte, wurde es dunkel. Wir mussten abseilen. Auf einmal setzte Wind und Schneefall ein, der immer heftiger wurde. Sollte dies ein Wetterumschwung, der unser Aus bedeutet, sein? Wir hatten Glück: Während der Nacht klarte es wieder auf. Doch früh morgens sahen wir, was wir nicht glauben wollten: Die ganze Wand war mit einer mehrere Zentimeter dicken Eisglasur überzogen. Die einzige Chance bestand nun darin, bis gegen 12.30 Uhr auf die Sonne zu warten. Um 13 Uhr stellten wir aber enttäuscht fest, dass es mindestens noch einen schönen Tag dauern würde, bis es wieder einigermaßen gute Kletterbedingungen in dieser steilen Platte haben würde. Nach langem Überlegen gab es jetzt nur noch den Ausweg, durch einen Pendelquergang auf eine Felsschulter zu gelangen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen klappte es dann doch noch. Von hier gab es eine neue Möglichkeit, in leichteres Gelände zu gelangen. Dieser Moment war für mich wohl der kritischste überhaupt: Denn endlich passte das Wetter, wir waren gut vorbereitet und entsprechend fit, und dann sollte das ganze Unterfangen erneut scheitern, weil wir in einer glatten, völlig vereisten Wand festsaßen?! Dieser Gedanke hat mich gemartert, eine echte Psychokeule! Fast wäre es so gekommen ...
Mountains2b: ... ein wenig fehlendes Equipment vor der Abreise, das kurzfristig noch besorgt werden konnte, aufgrund schlechten Wetters ein länger als geplanter Aufenthalt in Gangotri und die eben beschriebenen zwei Schlüsselstellen - muss man bei einer solchen Expedition nicht eher mit mehr Unwägbarkeiten rechnen?
Walter Hölzler: In aller Regel und auch nach meinen Erfahrungen eigentlich schon. Insgesamt ist es für uns mehr als gut gelaufen! Zum Teil ist das sicher der Lohn für eine zehrende, langwierige Vorbereitung und Planung. Zum Teil aber auch Glück: Wie wir vor Ort erfahren haben, ist der Winter in diesem Jahr sehr trocken gewesen, was selten vorkommt, dann aber zur Folge hat, dass es im Frühjahr verstärkt zu Niederschlägen kommt. Ansatzweise haben wir das auch miterlebt, letztlich hat es unseren Versuch aber nicht vereitelt. Dass um diese Jahreszeit im Basislager auf etwa 4300 Meter Höhe gut 50 bis 70 Zentimeter Schnee lag, war allerdings schon Besorgnis erregend.
Mountains2b: Wie lief es denn untereinander in Ihrem Zweierteam? Wann wollten Sie Sich erstmals gegenseitig aus der Wand schubsen?
Walter Hölzler: Ich kann nicht klagen. Sicher gerät man auch Mal aneinander, aber wir waren ein gutes Team, das grundsolide gearbeitet hat. Ärger übereinander blieb uns erspart.
Für Jörg war es die erste Himalaya-Expedition. Er ist Bergführer und erfahrener Alpinist. So war er zum Beispiel letztes Jahr am Fitz Roy in Patagonien erfolgreich. Doch als er die ungeheuere Westwand des Bhagirathi 'live' zu Gesicht bekam, hat es ihm schon die Sprache verschlagen. Die Mächtigkeit der Wände, die Abgeschiedenheit und die Höhe wirken gleichermaßen bedrückend auf die Psyche. So bat er mich bei einem klärenden Gespräch als Seilzweiter klettern zu können. Diese Situation war nicht gerade einfach für mich, da die Belastung umso größer wurde. Doch mein Ziel war es ja, möglichst viel frei - also ohne technische Hilfsmittel - klettern zu können, und das gilt eigentlich nur im Vorstieg. Also waren wir uns dann schnell einig, wie die Aufgaben verteilt sein sollten. Nachgestiegen ist er souverän, er hat mich gut gesichert und motiviert. Und das war sehr wichtig.
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